Washington, im Mai

Happy wird die zweite Mrs. Nelson Rockefeller genannt. „Happy“, sagte der Gouverneur von New York, wolle er nunmehr sein für den Rest seines Lebens. Nicht ganz so glücklich wie der Spitzenkandidat der Republikanischen Partei für die Präsidentschaft sind indessen seine politischen Freunde.

Am vergangenen Wochenende passierte, was schon seit längerer Zeit unter den „oberen Zehntausend“ und in politischen Kreisen New Yorks und Washingtons gemunkelt wurde: Nelson Rockefeller heiratete Margaretta Fitler Murphy. Die sechsunddreißigjährige „Happy“ war erst vor einem Monat von ihrem ersten Mann geschieden worden; sie hat mit Mr. Murphy vier Kinder.

Das Privatleben des Gouverneurs im Staate New York, Nelson A. Rockefeller, machte vor einem Jahr schon einmal Schlagzeilen, als er sich von seiner Frau Mary Todhunter Clark Rockefeller scheiden ließ, mit der er 31 Jahre verheiratet war und fünf Kinder hat (einer der Söhne war im November 1961 bei einer Expedition in Neu-Guinea verunglückt). Damals verstand niemand so recht die Scheidung, die dem Ansehen Rockefellers offensichtlich schaden mußte. Nun sagen alle Gesellschaftsklatschtanten „aha“, die Republikaner setzen eine süßsaure Miene auf, und die Demokraten schmunzeln.

Man sieht, der alte und große historische Roman „Politik und Liebe“ hält auch in unserer nüchternen Zeit und im puritanischen Amerika noch neue und überraschende Kapitel bereit. Offensichtlich ist es dem Gouverneur Rockefeller wichtiger, happy zu sein und zu haben, als Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.

Allerdings hatte „Rocky“, wie er genannt wird, einer Kandidatur im Jahre 1964 offiziell noch nicht zugestimmt. Diese Kandidatur ist begreiflicherweise auch keine sehr erstrebenswerte Sache in der Laufbahn eines republikanischen Politikers. Nur zweimal in unserem Jahrhundert wurde ein amerikanischer Präsident nicht ein zweites Mal gewählt. Es müßte schon etwas Ungewöhnliches geschehen, wenn John F. Kennedy im nächsten Jahre nicht abermals die Mehrzahl der Stimmen gewinnen sollte. Er hat sehr bald nach seinem knappen Sieg im November 1960 einen steilen Anstieg seiner Popularitätskurve erlebt. Im Durchschnitt über siebzig Prozent aller Amerikaner erklärten sich in den vergangenen zweieinviertel Jahren mit der Amtsführung Kennedys einverstanden. Damit ist dieser jüngste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten populärer als es selbst Eisenhower war.

Richard Nixon ist nach seiner zweiten Niederlage im Wahlkampf um den Gouverneursposten in Kalifornien zunächst aus der vordersten Linie der republikanischen Politiker ausgeschieden. Falls er noch einmal die Präsidentschaft erringen sollte, wird es gewiß nicht 1964 sein, denn er könnte es sich nicht leisten, ein zweites Mal gegen Kennedy zu unterliegen. Die Frage für jeden republikanischen Kandidaten ist also, wie er sich für den Präsidentschaftswahlkampf im Jahre 1968 aufbauen kann. Sollte Rockefeller kandidieren, so würde er sicherlich einen Rückschlag 1964 einkalkulieren. Trotz seiner Scheidung und der plötzlichen Wiederverheiratung gilt er im Augenblick noch immer als der aussichtsreichste Anwärter für die Präsidentschaftskandidatur. Seine Freunde sagen: Die Amerikaner wollen keinen unverheirateten Mann im Weißen Haus, Da Rocky nun einmal geschieden war, ist es besser, er nahm eine zweite Frau. Rockefellers Gegner machen geltend: Er hat zwei Familien zerstört, seine eigene und die der Mrs. Murphy, und die Amerikaner mögen die Zerstörung von Familien nicht.