Am Rande vermerkt: „Pressionen“ (ZEIT Nr. 16)

Die Protestversammlungen des Handwerks, die sich vor allem gegen den verunglückten Regierungsentwurf zur Lohnfortzahlung an Arbeiter im Krankheitsfälle richten, geben ihnen Anlaß, in ihrer Glosse „Pressionen“ den politischen Stil des Zentralverbandes des deutschen Handwerks zu kritisieren. Uns scheint, daß sie diese Vorwürfe nicht an die richtige Adresse richten.

1. Schlechter politischer Stil ist es, daß seit Jahren Regierung und Parlament immer wieder vor robusten Drohungen verschiedener Gruppen zurückweichen und hemdsärmeliges Auftreten mit Nachgiebigkeit belohnen. Die Angehörigen anderer Gruppen, darunter die Handwerker, müssen daraus schließen, daß mit maßvollen Wünschen und sachlichem Auftreten nicht viel zu erreichen sei.

2. Schlechter Stil ist es auch, wenn man die Minderheit der Selbständigen „überfährt“. Ein Musterbeispiel hierfür bietet die Lohnfortzahlungsfrage. Aus unhaltbaren ideologischen Gründen haben sich die großen Parteien und die Regierung auf eine komplizierte, fragwürdige „arbeitsrechtliche“ Lösung festgelegt, die den kleinen Gewerbetreibenden existenzgefährdende Risiken und unzumutbare Schwierigkeiten auflädt. Um den einfachen praktikablen Gegenvorschlag der Wirtschaft und besonders des Handwerks hat man sich nicht gekümmert, obwohl auch nach dieser „versicherungsrechtlichen“ Lösung die Arbeitgeberseite die Gesamtkosten der Lohnfortzahlung übernehmen soll. Den Vorschlag derer, die die Mehrkosten der Neuregelung tragen sollen, hat man also übergangen.

3. Dies alles hat im Handwerk das Faß zum überlaufen gebracht. In der erwähnten Düsseldorfer Kundgebung gaben die Handwerker ihrer Empörung stürmischen Ausdruck, obwohl Handwerkspräsident Wild sehr ruhig und maßvoll gesprochen hat. Er hat es wirklich nicht nötig, „Handwerkerseelen zum Kochen zu bringen“, denn aufgebracht sind die Handwerker ohnehin über den schlechten Stil einer einseitigen, expansiven Sozialpolitik.

Dr. Arnold Zelle, Zentralverband des deutschen Handwerks, Bonn