Hat Otto Brenner, der Chef der mächtigen Industriegewerkschaft Metall, sich mit seiner Lohnpolitik „hart am Rande des Abgrunds“ verkalkuliert? War er in den baden-württembergischen Streik „hineingeschlittert“ – oder hatte er ihn gewollt? Hatte er es von vornherein auf die harte Machtprobe angelegt, weil er nur so hoffen durfte, die deutsche Gewerkschaftsbewegung auf seinen klassenkämpferischen Kurs zu zwingen und sie dem Sog der modernen Vernunftpolitik Georg Lebers zu entziehen?

Gewiß, beim DGB-Kongreß in Hannover hatte er seinem Rivalen von der Gewerkschaft der Bauarbeiter mit demonstrativem Lächeln die Versöhnungshand gereicht. Aber die Kluft zwischen den beiden Gewerkschaftsführern war damit nicht überbrückt worden. Wo Leber Partnerschaft mit den Unternehmern fordert, hält Brenner sie einfach für undenkbar. Für den Boß der 1,8 Millionen Metallarbeiter gilt noch immer der Glaubenssatz: „Lohnpolitik ist und bleibt im letzten Grunde Machtpolitik.“ In sein Weltbild von der „Klassengesellschaft, in der Kapital und Arbeit im Widerstreit leben und leben müssen“, paßt die Vorstellung, daß die Sozialpartner zusammenarbeiten müssen, nicht hinein. Noch vor einem Jahr sagte er: „Die Bedingungen, unter denen diese beiden Klassen miteinander verhandeln müssen, sind zu unterschiedlich, als daß man von einem Partnerschaftsverhältnis sprechen könnte.“ Und dabei ist er bis heute geblieben.

Kein Psychologe könnte die Antriebe des klassenkämpferischen Pathos, mit dem der Redner Brenner seine Mitglieder immer wieder zu Beifallsstürmen aufputscht, besser kennzeichnen, als dies einer seiner Funktionärskollegen tat: „Für Otto geht aller Kampf um gesellschaftliche Anerkennung.“

Er hat es nie leicht gehabt. Schon als Schuljunge hatte Brenner Zeitungen austragen müssen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, deren Ernährer erst nach Jahren aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Später war er Hilfsarbeiter in einem hannoverschen Metallbetrieb, wo er sich sein Geld als Nietenwärmer verdiente. Aberer wollte nicht Hilfsarbeiter bleiben; seine Freizeit widmete er zur Hälfte der sozialistischen Jugend, zur anderen Hälfte seiner Fachausbildung zum Elektriker.

Damals schon, zwischen den beiden Kriegen, stand Otto Brenner stets links von der SPD-Parteilinie. Inzwischen hat sich die SPD weit nach rechts bewegt, Brenner aber verharrt auf der Linken. An den Schalthebel gewerkschaftlicher Macht kam er nach dem Kriege, den er teils in Gestapo-Haft, teils „untergetaucht“ bei verständnisvollen Firmen überlebt hatte. Erst übernahm er in Hannover die Führung der niedersächsischen Metallarbeiter; sieben Jahre später zog er dann – von SPD-Chef Ollenhauer empfohlen – in die Frankfurter Zentrale ein.

Ein Interviewer, der den Metallarbeiter-Chef jüngst in seinem Büro am Untermainkai aufsuchte, meinte nach dem Besuch, der gefürchtete Radikale sei im persönlichen Gespräch doch „sanft wie ein protestantischer Kinderpfarrer“. In der Tat trifft dieser Vergleich einen auffallenden Charakterzug dieses Mannes: ein Schuß Puritanertum, das seine Vorstellungen einer „idealen Wirtschaftsdemokratie“ beherrscht. Allerdings hat er selber eingestanden: „Wie diese Wirtschaftsdemokratie einmal funktionieren wird, das sind Einzelheiten. Darüber brauchen wir uns heute den Kopf noch nicht zu zerbrechen. Das ist eine Frage der gewerkschaftlichen Praxis.“

Otto Brenner ist 55 Jahre alt. Klein, eher schmächtig, mit blassem Gesicht und randloser Brille, hat er etwas beamtenhaft Bürokratisches an sich. „Gewerkschaftliche Praxis“ heißt für ihn harte Schreibtischarbeit, unterbrochen nur von kurzen Teepausen, in denen er mitgebrachte Butterbrote ißt. Alkohol und Zigaretten verschmäht er. Er kleidet sich unauffällig korrekt. Gegenüber seinen Mitarbeitern bewahrt er kühle Distanz. Im persönlichen Gespräch ist er spröde, und seine Zurückhaltung will nicht recht zu dem Versammlungsredner passen, der seine Gegner ein bißchen hölzern, aber immer scharf attackiert. Es klingt glaubhaft, daß Frau Martha „ihren Otto“ nicht wiedererkennt, wenn er auf der Rednertribüne steht.