RUNDFUNK NORDDEUTSCHER

Montag, 6. Mai, die Lesung:

Ein Prosastück wurde vorgelesen, noch dazu ein Stück alter Prosa und überdies fünfzig Minuten lang. Das klingt abschreckend. Tatsächlich aber war zu hören, wie Martin Held mit geschliffenem Humor die Rolle eines Vortragenden spielte. Die Form des alten Textes von Thomas de Quincey, der zuerst 1827 in Blackwood’s Magazine, London, erschien, kam dem allerdings entgegen. Die Geschichte ist „Eine Ansprache vor dem Plenum des, Clubs zur Verbreitung des guten Geschmacks’ zu London“.

Diese Probe aus der Literatur des vorigen Jahrhunderts ist aus einem besonderen Grunde aktuell: Ihr ironisch-satirischer Esprit heißt jetzt das Absurde. Ionesco und seine „Verwandten“ sind aus derselben Familie wie der alte Quincey. Und wie es in Familien zu gehen pflegt, kennt man den Alten wahrscheinlich gar nicht und meint, selbst etwas gänzlich anderes und völlig Neues zu tun.

„Wir fangen langsam an zu erkennen, daß zur künstlerischen Abrundung einer Mordtat doch etwas mehr gehört als ein Messer, eine Brieftasche, eine dunkle Seitenstraße und zwei Idioten, einer, der tötet, und einer, der getötet wird.“ Man denke an die Sache mit dem Messer in La Leçon von Ionesco – die Familienähnlichkeit liegt auf der Hand. Es gebe nichts Neues, nur mehr oder weniger abgekühlte Stellen auf dem Kopfkissen, hat Cocteau einmal gesagt. Diese Sendung (zum Wochenthema „Detektivisches Panoptikum“ gehörig) bewies es für das Absurde in der modernen Literatur. (Thomas de Quincey ist jetzt im Henry Goverts Verlag wieder erschienen.) R. H.