Die italienischen Wahlen haben nach Ansicht vieler Kommentatoren ein doppeltes Ergebnis gebracht: einen Linksruck und zugleich eine Absage an Fanfanis Experiment der apertura a sinistra, der Öffnung nach links. Das erste Ergebnis läßt sich in eine gesamteuropäische Tendenz einordnen. Auch in England und in der Bundesrepublik scheinen jene Parteien, die man gemeinhin als links bezeichnet, in stetem Vormarsch begriffen zu sein. Um so erstaunlicher ist es, daß Fanfanis Experiment mißglückt sein soll.

Warum eigentlich? Der italienische Ministerpräsident sah in dem Bündnis der Christlichen Demokraten mit den Linksparteien (die KP ausgenommen) ein Mittel, notwendige soziale Reformen durchzusetzen, die Kommunisten zu isolieren und die Sozialisten zu sich herüberzuziehen. Die Eindämmung der Kommunisten ist mißlungen. Die Bündnispartner der Christlichen Demokraten haben ihre Stellung gehalten oder leicht verbessert; der große Verlierer war Fanfanis Partei, die großen Sieger waren jene Parteien, die vom Bündnis ausgeschlossen waren: die Liberalen auf der Rechten und die Kommunisten auf der extremen Linken.

Fanfanis Bündnis mit der Linken und auch die Kontakte des Papstes mit den Kommunisten haben in der Tat dazu beigetragen, die politische Orientierung zu verwirren und die Disziplin der katholischen Wähler zu lockern. Sie machten von ihrer Freiheit, selber entscheiden zu können, nicht den erhofften Gebrauch – eine Erscheinung, die auch in der Bundesrepublik zuweilen von manchen CDU-Politikern beklagt wird. Dazu kommt noch, daß die Öffnung nach links spät, aber dann überhastet eingeleitet wurde und daß Fanfani, ein Politiker nicht ohne Eitelkeiten, manche Fehler machte. Aber hatten die Christlichen Demokraten, die allein zu regieren außerstande waren, überhaupt eine andere Möglichkeit, die notwendigen Sozialreformen durchzusetzen? Eher sollte man ihnen schon vorwerfen, ihren Reformbemühungen habe der wahre Eifer gefehlt.

Im Gegensatz zu England und der Bundesrepublik gibt es in Italien keine demokratische Alternative zu einer von den Christlichen Demokraten geführten Regierung. Wer unzufrieden ist, stimmt entweder liberal (wenn er fest in der bürgerlichen Tradition steht; und das ist der kleinere Teil der Protestierenden) oder protestiert, indem er die Kommunisten wählt (und das ist die große Mehrheit der Unzufriedenen). Von den italienischen Arbeitern, die in anderen europäischen Ländern ihr Brot verdienten, von dort zurückkehrten, verglichen und ihr Land sozial rückständig fanden, gaben die meisten den Kommunisten ihre Stimme.

Diese Unzufriedenheit aber, das Gefühl, die Regierenden hätten ihre Schuldigkeit mehr schlecht als recht getan und sollten abtreten, ist nicht nur auf Italien beschränkt; allerdings wirkt sie sich in verschiedenen Ländern verschieden aus. In England, im klassischen Land der zwei demokratischen Möglichkeiten, zeichnet sich ein Wahlsieg der Labour Party ab. Frankreich setzte an die Stelle der Vierten Republik eine Technokratie mit mythischem Überbau; in der Bundesrepublik rückt, wie in England, ein Sieg der Sozialdemokraten in den Bereich der Möglichkeit.

Langsam, aber unaufhaltsam verändert sich die politische Konstellation, die das Europa der Nachkriegszeit bestimmt hat. Die drei großen Europäer de Gasperi, Schumann, Adenauer, Politiker, die eine „katholische Demokratie“ in Kontinentaleuropa begründet haben – sie sind zum historischen Monument geworden. Die christlichen Parteien in Europa sind in der Defensive. Der Schwung, mit dem sie nach dem Kriege in Belgien, Frankreich, Italien und Deutschland begannen, ist erlahmt. Haben sie ihre Aufgabe erfüllt? Verdorrt ein Zweig am Baum der Geschichte?

Es hat den Anschein, als ob die Linke einen späten ideologischen Sieg errungen hätte – freilich um den Preis des eigenen Ideologieverzichts. Der Sozialismus ist nun ebenso Gemeingut geworden wie früher der Liberalismus; das aber hat die ideologische Struktur der christlichen Parteien erschüttert. Sie sind heute neben den Kommunisten die letzten, die in der entideologisierten westlichen Welt, in dem ein soziologisch fundierter Pragmatismus herrscht, immer noch mit letzten Wahrheiten operieren. Aber sie tun es auch nur halben Herzens, weil diese Haltung in einer pluralistischen Gesellschaft es ihnen erschwert, Volkspartei zu bleiben oder zu werden. Sie haben sich am Rubikon versammelt und diskutieren schaudernd die Gefahren, die am anderen Ufer warten.