Von Thomas von Vegesack

In einem 1932 geschriebenen Essay nannte Aldous Huxley fünf Schriftsteller als die wichtigsten der Gegenwart. Kafka war einer von ihnen. Einige schwedische Studenten fragten sich bei der Lektüre des Essays, wen er wohl meinte: Proust, D. H. Lawrence, Gide und Hemingway kannten sie gut, von Kafka aber hatten sie nie etwas gehört. In einem Brief an Huxley erkundigten sie sich, ob nicht Kafka in Wirklichkeit ein Pseudonym sei, hinter dem der berühmte Brite aus Bescheidenheit seine eigene Leistung verbergen wollte.

Huxley antwortete mit einem langen erklärenden Brief, und damit war der erste Kontakt zwischen Kafkas Werk und Schweden hergestellt. Einer der beiden Studenten sollte ungefähr ein Dezennium später das literarische Sprachrohr seiner Generation werden. Sein Name war Karl Vennberg.

Es dauerte jedoch mehrere Jahre, bis Kafka in Schweden wirklich bekannt war. Ein wichtiger Schritt in dieser Entwicklung – und in den Beziehungen zwischen schwedischer und deutscher Literatur überhaupt – wurde getan, alsHermann Hesse Korrespondent der führenden schwedischen Literaturzeitschrift, „Bonniers litterära magasin“, wurde. Hesse begann seine Mitarbeit im Frühjahr 1935 mit einem Brief, in dem er erklärte, in seinen Beiträgen die wichtigsten literarischen Leistungen innerhalb des gesamten deutschen Sprachgebiets, gleichgültig, ob sie im Deutschen Reich oder außerhalb seiner Grenzen entstanden, behandeln zu wollen.

Hesse erstrebte eine neutrale, nur ästhetischen Prinzipien verpflichtete Beurteilung. In seiner Korrespondenz schrieb er denn auch ebensoviel über reichsdeutsche wie über Emigrantenliteratur oder Werke aus der Schweiz und Österreich. Sein Prinzip weckte vielerorts Kritik, woraufhin er im Herbst 1936 seine Arbeit niederlegte: „Es hat sich gezeigt“, schrieb er, „daß der Zustand der deutschen Publizistik zur Zeit so ist, daß sie keinen Platz für die Mitarbeit eines Freundes von guten Sitten und Frieden bietet... Es ist eine alte Erfahrung, daß der, der in der Eigenschaft eines neutralen Dritten zwischen zwei kriegführenden Fronten Frieden zu stiften sucht, unfehlbar selbst Prügel bezieht.“ Die Reichsdeutschen hatten ihm vorgeworfen, daß er „selbst Juden und Emigranten als Menschen betrachtete, während die Emigranten ihm vorwarfen, mit den Nationalsozialisten unter einer Decke zu stecken.

Hesses Wirken als Übermittler der Dichtung seiner Sprache war von kurzer Dauer, aber in den zwei Jahren, die es währte, konnte er die Aufmerksamkeit auf eine Reihe wichtiger literarischer Erscheinungen lenken. Neben Kafka nennen seine Briefe voll Achtung Rilke und junge Dichter wie Günther Weisenborn und Wolfgang Koeppen. Kafka erlangte von diesen jedoch die größte Bedeutung.

Gegen Ende der dreißiger Jahre tauchten in den schwedischen Zeitschriften Übersetzungen von Kafkas Werken auf. Karl Vennberg war vielleicht der aktivste Übersetzer und Befürworter, doch stand er keineswegs allein. Trotzdem sollte es lange dauern, bis die schwedischen Verleger dem Interesse nachkamen. 1938 hatte Vennberg seine Übersetzung der „Verwandlung“ fertig, doch sein Manuskript wanderte mehrere Jahre durch die schwedischen Verlage, bis es 1945 endlich gedruckt wurde. Im selben Jahr erschien „Der Prozeß“ auf Schwedisch. Zu der Zeit war Kafka jedoch neben Faülkner und Sartre bereits der meistzitierte Dichter der letzten Kriegsjahre.