Von Kurt Wendt

Ein großer Teil der Aktienkurse hat in den letzten Wochen die Einbußen, die seit Jahresbeginn eingetreten waren, wieder ausgeglichen. Wir stehen jetzt inmitten der üblichen Frühjahrsbewegung, von der sich zur Zeit noch nicht sagen läßt, wann sie beendet und wohin sie führen wird. Aber das sind Probleme zweiter Ordnung. Entscheidend für die unmittelbare Zukunft des Aktienmarktes ist der nun allen sichtbar gewordene Klimawandel, die wiedergewonnene Zuversicht, Alle drei Großbanken haben auf ihren Bilanzpressekonferenzen zwar keiner Hausse das Wort geredet, doch immerhin einen mehr oder weniger gedämpften Optimismus zur Schau getragen, der keinesfalls nur zweckbestimmt war. Es soll schon etwas heißen, wenn das Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, Ernst Matthiensen, erklärt hat: "Mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Aktienbestände der Dresdner Bank am Jahresende höher sein als am Jahresanfang!" Die Dresdner Bank hat schließlich seit Jahren für Börsenentwicklungen ein gutes Gehör.

Wenn es noch eines Beweises für die wiedergewonnene Stabilität der deutschen Aktienmärkte bedurft hätte, dann hat ihn der Tarifkonflikt in der Metallindustrie gebracht. Obgleich sich die Voraussagen der Börse, es werde weder zu Streik noch Aussperrungen kommen, nicht erfüllt haben, kletterten die Kurse trotz Ausbruch des Tarifkonflikts und trotz drohender Betriebsstillegungen weiter nach oben. Nun ist letzten Endes aber auch ein vermiedener Streik oder eine relativ rasch beendete Tarifauseinandersetzung kein Hausse-Anlaß. Denn schließlich werden höhere Löhne bewilligt und die Personalkosten werden steigen. Und man sollte nicht annehmen, daß alle jene, die in den letzten Tagen Aktien erworben haben, diese einfache Tatsache übersehen haben. Man wird deshalb gut daran tun, die Motivforschung für die steigenden Aktienkurse zu vertiefen.

Die Initialzündung für die feste Tendenz an den deutschen Börsen war zweifellos die Kursentwicklung in der Wallstreet, wo der Dow-Jones-Index sich dem absoluten Höchststand wieder genähert hat, während zur gleichen Zeit die deutschen Aktienkurse noch im Keller herummanöverieren. Hier ist also ein Mißverhältnis entstanden, das internationale Anleger zum Kauf reizt. Dabei sind ausländische Käufer weitgehend "streikunempfindlich", denn besonders in den USA ist man an derartige Arbeitskämpfe gewohnt und man weiß, daß daran eine Konjunktur nicht zugrunde geht. Andererseits haben die Ausländer deutlichere Vorstellung vor den Folgen solcher Lohnkämpfe. Sie wissen, daß sie sich früher oder später in steigenden Preisen niederschlagen werden. Auf unsere Situation übertragen wird also zu prüfen sein, inwieweit die betroffenen Unternehmen die entstandenen oder entstehenden Mehrkosten auf die Preise abwälzen können. Die Möglichkeiten hierfür sind von Fall zu Fall verschieden. Aber der Börse geht es in der Beurteilung der Situation von morgen weniger um Detailfragen, sondern vielmehr um die grundsätzlichen Entwicklungslinien – und diese zeigen in nahezu allen westlichen Ländern, mit Ausnahme vielleicht von England und den USA in etwa das gleiche, von inflationistischen Erscheinungen getrübte Bild.

Deshalb tritt zu dem natürlichen "Nachholbedarf" an den deutschen Aktienmärkten nunmehr das Sachwertdenken, die Flucht in die Substanz, also in die Aktie. Wahrscheinlich wäre diese Bewegung schon ausgeprägter, wenn nicht der Aktiensparer in den letzten Jahren mit seinen Papieren so überaus unangenehme Erfahrungen gemacht hat. In der Tat ist es nicht einfach zwischen den Risiken des Aktienmarktes und den Folgen des stetigen Kaufkraftschwundes zu wählen. Jetzt erst merken viele Leute, wie schwierig es ist, das eigene Vermögen sachgerecht zu verwalten. Eines ist jedoch deutlich zu machen: Vorerst steht das festverzinsliche Papier bei den breiten Sparerschichten noch an erster Stelle. Die in letzter Zeit etwas "weicher" gewordenen Rentenkurse scheinen noch keine Wende in den Anlagedispositionen anzudeuten.

Zur Abkehr vom Aktienpessimismus haben auch die Unternehmen selbst ihr Scherflein beigetragen. Sie veröffentlichten teilweise Abschlüsse und Dividendenentscheidungen, die wirklich angenehme Überraschungen darstellten. Sie beweisen, daß monatelang die Lage in vielen Branchen zu schwarz beurteilt worden war. Die ertragstarken Bilanzen der großen IG-Farben-Nachfolger machten den Anfang. In die gleiche Reihe paßt der VW-Abschluß und die unerwartete Heraufsetzung der Dividende von 12 auf 14 %. Im Montanbereich veröffentlichte Hoesch eine durchaus hoffnungsvolle Prognose, die den viel zitierten "Montan-Zug" in Bewegung setzte. Dafür, daß er noch etliche Stationen weiterfuhr, sorgte Mannesmann mit dem Entschluß, an der letztgezahlten Dividende von 14 % festzuhalten. Schließlich fand auch der Klöckner-Aktionärsbrief in den Börsensälen eine positive Aufnahme. Der schlechte Eindruck, den die Hauptversammlung der Dortmund-Hörder Hüttenunion hinterlassen hatte, wurde ausgelöscht.

Eines war aus den Kursbewegungen der letzten Wochen zu lernen: Das schlichte Branchendenken reicht in der heutigen Zeit mit ihren differenzierten konjunkturellen Entwicklungen nicht mehr aus. Nach einer alten Börsenweisheit heißt es zwar: Steigt Butter, steigt Käse! Man meint damit, daß in der Hausse auch die weniger gut beleumdeten Papiere nach oben ziehen. Aber vermutlich werden wir bald sehen, daß das Tempo der Aufwärtsbewegung von Aktie zu Aktie, auch wenn sie der gleichen Branche zuzuordnen sind, unterschiedlich sein wird. Der Rat, "selektiv" zu kaufen, gilt deshalb nach wie vor.