Von Marcel Reich-Ranicki

Allzu leicht macht er es den Gegnern seines Talents, schwer seinen Verehrern. Denn er nötigt uns, mit dem Vortrefflichen, ja, dem Unvergeßlichen immer auch das Schwache, oft das Mißlungene, bisweilen das Peinliche hinzunehmen. Wer ihn zu tadeln wünscht, braucht also nicht lange zu suchen: In jedem seiner Bücher sind Motive und Zitate zu finden, die sogar unerbittliche Angriffe gerechtfertigt erscheinen lassen, auch und vor allem in dem Buch

Heinrich Böll: "Ansichten eines Clowns", Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 302 S., 16,80 DM.

Dem bisher bestehenden Bild des Schriftstellers Heinrich Böll fügt dieser Roman keine überraschend neuen Züge hinzu. Vielmehr bestätigt und ergänzt er es – zuweilen auf erfreuliche, weit häufiger auf bedauerliche Weise. Daher werden die "Ansichten", ich bin dessen sicher, von vielen entrüstet abgelehnt und mit zahlreichen, überzeugend klingenden Argumenten gänzlich mißbilligt werden.

Indes hat es, meine ich, schon lange keinen deutschen, Roman gegeben, dem eine einseitige Beurteilung so wenig gerecht werden könnte. Denn mehr als für die früheren Bücher Bölls ist für die "Ansichten" eine eigentümliche Parallelität der guten und der schlechten oder zumindest fragwürdigen Passagen bezeichnend. Und niemals war die Spanne der Qualitätsschwankungen innerhalb eines Boll-Werks so ungewöhnlich groß. Das Ergebnis: ein furchtbar enttäuschendes und sehr lesenswertes Buch. Die Ursachen sind zunächst einmal in seiner grundsätzlichen Konzeption zu suchen.

Der Clown Hans Schnier, Sohn eines reichen Industriellen, berichtet über seine Familie und, weit ausführlicher, über ein Milieu, das er erst in den letzten Jahren kennengelernt hat: die bürgerlich-katholische, vornehmlich intellektuelle Gesellschaft von Köln und Bonn. Zugleich erzählt er von dem Zusammenleben mit seiner Freundin Marie, die ihn verlassen hat.

Somit setzt sich der Roman aus zwei Bestandteilen zusammen: einer sozialkritischen Darstellung und einer erotischen Geschichte, die sich ganz im privaten, ja, im intimsten Bereich abspielt. Diese beiden Elemente sind unentwegt, vom Anfang bis zum Ende des Romans, miteinander verwoben. Aber sie sind es – allem Anschein zum Trotz – nur auf mechanische Weise.