Von Dieter E. Zimmer

Zum drittenmal trafen sich in der vergangenen Woche Schriftsteller und Kritiker aus dreizehn Ländern, um den Internationalen Verlegerpreis und den Prix Formentor zu vergeben, neben dem Nobelpreis die beiden einzigen Literaturauszeichnungen von internationaler Geltung.

„Formentor“ – es ist nur noch ein Souvenir, seitdem die spanische Regierung Ende letzten Jahres den italienischen Verleger Einaudi und einige seiner Mitarbeiter, die eine Sammlung von spanischen Anti-Franco-Liedern herausgegeben hatten, zu unerwünschten Elementen erklärte und damit das Preisgericht vor die Wahl stellte, entweder ohne Einaudi zu tagen oder sich nach einem duldsameren Ort umzusehen. So wurde die Insel gewechselt, statt Mallorca das griechische Korfu. In einem Bungalowhotel an der Ostküste, unter zerfurchten Ölbäumen und einem klammen Wind, der jedes Stück Papier sofort in einen weichen Lappen verwandelte, trafen sich etwa sechzig Autoren, Verleger und deren Trabanten zu ihren Beratungen.

Gefeiert aber wurde oben, im Achilleion, dem einstigen Sommerschloß des deutschen Kaisers, von Sissi erbaut, vom Gastgeber, dem Freiherrn von R., seit Anfang des Jahres zu einem Spielkasino gemacht. „Wer die einzige echte Böcklinsche romantische Kaiservilla sehen will, muß hierherkommen“, pflegt er über sein Etablissement zu sagen.

Ein livrierter Lakai, degenumgürtet: wenn er sich verneigt, verrät sein leuchtendes Lächeln das Glück, dienen zu dürfen. Die Augen des Chefs hinter dem kalten Büfett blitzen über den Spitzen seines Bartes, wenn er mit demonstrativer Genußsucht Spanferkel tranchiert. Nebenan bitten blonde Croupiers zum Roulette. Unter den Palmen und Pinien des Parks, die im elektrischen Flutlicht aussehen, als wären sie aus Pappmaché, marschiert eine uniformierte Kapelle auf; ihre blinkenden Helme tragen die Aufschrift „suum cuique“, und während abwechselnd Kaisermärsche und griechische Volksmusik und „Im Grunewald ist Holzauktion“ gespielt werden, tanzt ein Reigen von Mädchen aus dem Dorf Gasturi den korfiotischen und den Kaiamata-Tanz (sie erzählen sich heute noch empört, wie der Kaiser ihren Großmüttern Seife, deutsche Seife, zum Geschenk machte – als wären sie ungewaschen); ihre Trachten sind eine Leihgabe des griechischen Fremdenverkehrsbüros, und nachher dürfen sie die Reste vom kalten Büfett essen. Ein überdimensionaler bronzener Achill in Rührteuch-Stellung blickt mit geschwellter Brust über die Bucht von Korfu hinweg in Richtung Albanien und gibt dem Ort seinen Namen. Eine Rede: „... die Sie gekommen sind, einer hohen intellektuellen Pflicht zu genügen... gastfreundlich empfangen wie der Vagabund und Pauper Odysseus von der reichen Königstochter Nausikaa in diesem Land der Phäaken...“

Das alles, die Diener und das zu farbiger Darbietung herbeigerufene Volk und die Spieltische und die gerösteten Ferkel und die kalten Marmormusen, diese Mischung von restaurierte! Kaiserherrlichkeit und Spielbank, es wirkt wie die Dekoration zu einer ziemlich fragwürdiger Balkan-Operette. Aber es ist alles echt, und Leute des Geistes bilden, ein wenig beklommen, die Komparserie. Es gilt, den Prix Formentor 1963 zu feiern.

Die pompöse und anachronistische Kulisse nimmt sich noch peinlicher aus, sobald man sich vergegenwärtigt, was für einem Buch wenige Stunden vorher der Prix Formentor zuerkannt worden war: dem Roman „Eine große Reise“ von Jorge Semprun, einem vierzigjährigen Spanier, dem Sohn eines Diplomaten der spanischen Republik, einem Mann, der seit dem Ende des spanischen Bürgerkriegs im Ausland gelebt hat, der französisch schreibt, der im französischen Widerstand kämpfte, das Ende des Krieges in Gefängnissen und deutschen Konzentrationslagern erlebte und eben diese Erfahrungen in seinem Buch beschreibt. Seine „Große Reise“ war die aus Frankreich nach Buchenwald.