Können wir uns mit den Mördern versöhnen?

In Koblenz geht in diesen Tagen der Heuser-Prozeß zu Ende. In Frankfurt erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den letzten Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, Richard Baer seine Adjutanten Robert Mulka und Karl Höcker sowie 21 weitere Angehörige des Lagerpersonals von Auschwitz. Kurz zuvor war auch Anklage erhoben worden gegen Hermann Krumey und Otto Hunsche, zwei Mitarbeiter Eichmanns. In allen drei Prozessen steht Massenmord zur Aburteilung, Mord an Hunderttausenden von Juden. Der Auschwitz-Prozeß wird der größte Kriegsverbrecher-Prozeß vor einem deutschen Gericht seit 1945 sein.

In Limburg an der Lahn beginnt demnächst der Prozeß gegen den Euthanasie-Organisator Professor Heyde – wegen vielfachen Mordes an Wehrlosen. In Flensburg, wo sich Heyde unter falschem Namen verborgen hatte, wurde vor einigen Monaten Martin Fellenz verurteilt – wegen Beihilfe zum Mord. In Bonn fand der Prozeß gegen zwölf Männer statt, die im Vernichtungslager Kulmhof das Geschäft des Todes betrieben haben.

Das sind nur einige Beispiele für die vielen Prozesse gegen NS-Gewaltverbrecher, die wir derzeit erleben. Jedermann weiß, daß diese Prozesse im Volke unbeliebt sind, daß ein großer Teil der Deutschen „die Dinge ruhen lassen“ möchte. Im Ausland trägt uns diese Einstellung bittere Kritik ein; Fremde können nicht verstehen, daß wir uns mit den NS-Verbrechern „arrangieren“ wollen, sie sehen in dieser Abwehrstimmung nur böswillige Verstocktheit und Neonazismus.

Mörder und Belastete

Tatsächlich entspringt der Ruf nach Ruhe oft moralisch fragwürdigen Motiven – falsch verstandener Kameradschaft, der Angst, „das eigene Nest zu beschmutzen“, manchmal auch der Geistesverwandtschaft mit den Tätern. Aber es setzen sich häufig auch solche Menschen dafür ein, mit den Tätern Frieden zu schließen, die gegen den nazistischen Bazillus immun geworden sind und die „nationale Ehre“ nicht über alles setzen. Sie denken an die eigene Verstrickung, an die Dämonen, die auch über den braven Mann Gewalt gewannen; sie meinen, daß man heute nicht mehr gerecht über jene Jahre urteilen könne, weil man allzu leicht den fürchterlichen Druck des totalitären Regimes vergesse, und verweisen auf die Parallele des Ulbricht-Staates.

Dabei hätten nur wenige Deutsche Anlaß, sich mit den jetzt noch angeklagten NS-Verbrechern solidarisch zu fühlen. Die – bewußte oder unbewußte – Solidarität wird manchmal erst dadurch erzeugt, daß man Verbrecher und kleinere Sünder in einen Topf wirft, daß man im Eifer einer zweiten Entnazifizierung rechtliche und moralisch-politische Schuld verwechselt.