Auf einer Dinner-Party für siebzig Letzter Schrei: Wodka – Plausch neben Skulpturen

Von Eka v. Merveldt

Los Angeles, Anfang Mai

Sheila, die Gastgeberin, heftete jedem Besucher, der über den blühenden Patiohof, an einer Plastik von Giacometti vorbei, in das Haus trat, seinen Namen an das Festkleid. Dieser praktische Brauch der Amerikaner, für offizielle Kongresse und Versammlungen erfunden und längst auch in Europa übernommen, damit jeder den anderen lesen kann und gleich weiß, wen er vor sich hat, fand sie auch nützlich, als es um ihre private „Dinner-Party für 70“ ging. Es wäre zu schwer gewesen, die siebzig Gäste einander bekannt zu machen. Dabei blieb jedem die Wahl, wem er sich nähern, wen er lesen oder sprechen wollte.

Wohl die Hälfte der Teilnehmerschaft war per Flugzeug auf dem Platz von Palm Springs angekommen. Auch der Hausherr, der in einer der großen Städte im Osten täglich mit riesigen Zahlen jongliert, die Geld und auch Menschenschicksale umgreifen, war in fünf Stunden Flugzeit „herangejettet“. Ihm ging es darum, einen europäischen Ehrengast zu feiern; aber er stellte lakonisch fest, daß er ebensogut eine Party in Europa hätte besuchen können. Immerhin ist Palm Springs, der Wüstenort, wohl einer der hellsten, wärmsten, attraktivsten Flecken in dieserWelt.

Das Haus ist neu und von einem der größten Architekten des Landes gebaut. Es liegt an einem der zwölf Golfplätze. Wo sich vor wenigen Monaten noch Sand und Einöde dehnten, geht jetzt die gepflegte Parkanlage in den grünen Rasen des Golfkurses über. Olivenbäume stehen nahe dem Haus, die wie altmodische Pudel gestutzt sind, und der L-förmige Swimmingpool leuchtet blau. In der Ferne ragen kahle, vielfarbige Berge auf; einer ist an der Nordwand noch mit Schnee bedeckt. Baden und Skilaufen, am selben Tage ausgeführt, ist das Vergnügen der happy few.

Auch die Gäste waren keine armen Schlucker. Sie waren Geschäftspartner von heute oder von morgen, und der exklusive Golfplatz ist auch ein Umschlagplatz für big business. Der Hausherr kann, wenn er will, die Sportfreunde und Geschäftspartner nicht nur vom livingroom. sondern schon, von seinem Schlafzimmer aus beobachten, von dort aus sogar ohne gesehen zu werden. Er sieht dort, wie sie in kleinen Autocars unter zierlichen Sonnenschirmen von einem Green zum anderen fahren; er kann sich einmischen, wenn ihm am Golfspiel oder an der Konstellation der Partner zueinander etwas nicht gefällt. „Wenn Mr. Line wieder mit diesem blöden Henry um die Ecke kommt, wird es Zeit, aufzutauchen“, sagt der Hausherr zu sich selbst.