Stuttgart, im Mai

Der Streikposten am Tor fragte: „Na, Kollege, wohin?“ „Ich komm’ gleich wieder ’raus; ich will bloß die Blumen gießen.“ Kopfnicken. – So war es am 29. April, als der Streik begann. Auch am nächsten Tage wurden die Blumen am Arbeitsplatz begossen.

„Und was ist heute mit den Blumen?“ – „Kaputt!“ Der junge Metallarbeiter, der meine Frage so beantwortete, wurde von einem älteren Kollegen, der offenbar die Symbolträchtigkeit von Blumen spürte, leise zurechtgewiesen: „Wir können neue pflanzen.“

In den Tagen des Streiks ist einiges mehr verdorben als die Blumen am Arbeitsplatz. „Was wir seit dem Kriege aufgebaut haben, geht jetzt kaputt.“ Diesmal kam das Wort „kaputt“ aus dem Munde eines leitenden Angestellten der Robert Bosch GmbH, auf die schon seit Tagen die Chefs der deutschen Automobilfabriken mit Sorge geblickt hatten. Wie lange würden sie ohne die Bosch-Zulieferungen Autos bauen können? Aber der Angestellte hatte nicht an das Vakuum auf dem Markt gedacht, sondern an das gegenseitige Vertrauen, das in diesem Betrieb zwischen Werkleuten und Direktoren geherrscht hatte. In dem alten schwäbischen Unternehmen ist immer noch der patriarchalische Geist des alten Bosch, eines gerechten, sparsamen Hausvaters, lebendig gewesen, der sich für das Wohl und Wehe seiner Arbeiter verantwortlich gefühlt hatte. „Soziale Arbeit“ – dieser Begriff war als menschliche Verpflichtung des Arbeitgebers verstanden worden. Und noch am Samstag vor dem Streikbeginn hatte die Geschäftsleitung, wie alljährlich, für die Rentner der Stuttgarter Bosch-Betriebe eine Feier veranstaltet, wenn auch, wie es hieß, „mit gedämpftem Trommelklang“. Der Streik bei Bosch war eine Art makabrer Jubiläumsfeier. Das letzte Mal hatten die Bosch-Arbeiter vor genau fünfzig Jahren gestreikt.

Die schrecklichen Bilder von blutigen Zusammenstößen vor den Werktoren, von Aufruhr und Haß, wie sie manchem älteren Manne noch von den Streiks der zwanziger Jahre in Erinnerung waren, sind freilich nicht wiedergekehrt. den der Streik bei Bosch begann, standen vor den Fabriktoren Hunderte von Arbeitern fried-Ein diskutierend. Sie lachten dann und wann. Ein Brauereilastwagen rollte auf eines der Werktore zu. Großes Hallo. Ein junger Arbeiter stemmte übermütig einen anderen in die Höhe der Bierkästen. Dieser beugte sich nieder und meldete: „Keiner drunter!“ Gelächter.

Auch in anderen Gruppen war zunächst die Stimmung wie bei einem Betriebsausflug. Plötzlich kam ein Mercedes 220 und hielt. Sein Insasse zeigte den Ausweis – eine überflüssige Formalität, denn man kannte ihn. Der Streikposten trat einen Schritt zur Seite und deutete eine Verbeugung an. Einer der Direktoren fuhr in sein Büro. Verlegenheit rundum. Die Situation war für viele neu.

Wenige Tage später jedoch hörte man einige fast vergessene Vokabeln, fühlte unterschwellige Ressentiments. Und dieser Wandel der Streikatmosphäre läßt sich vielleicht mit folgendem Bilde wiedergeben: Die einen wollten nur deshalb mit der Faust auf den Tisch schlagen, damit die zerstrittenen Partner sich schneller einigten – die paar Scherben hätte man dann schon gekittet. Aber im Verlaufe der steigenden Fieberkurve schlugen die anderen zurück. Abwehr – so hieß es in den Anzeigen, mit denen die Aussperrung von etwa 400 000 der 460 000 Metallarbeitern in den drei betroffenen Landesteilen Baden-Württembergs begründet wurde: Abwehr.