Mauch einer mag sich mit mir in den letzten Wochen gefragt haben, woher die Schwierigkeiten kommen, die Jewgenij Jewtuschenko neuerdings in seiner Heimat hat, vor allem wegen seiner Reisen ins westliche Ausland, und was sie wohl ausgelöst haben mag. Ich glaube, ich kenne jetzt die Antwort.

Es war im Februar dieses Jahres im Münchner Fasching. Mir war eine Freikarte zu einem großen Kostümfest angeboten worden – und mit einer Freikarte kann man mich spielend auf jeden Bratrost in jeder Hölle locken. Nichts Böses ahnend, hatte ich an einem großen Tisch Platz genommen, wo ich, an einem Glase nippend, gedankenverloren das muntere Treiben betrachtete, als plötzlich eine größere Gruppe auf meinen Tisch zusteuerte. Neben mir kam ein netter blonder Mann zu sitzen, der sich vorwiegend russisch unterhielt, so daß unser Gespräch – ich habe Gründe, das den dafür zuständigen Herren in der sowjetischen Botschaft unter die Nase zu reiben! – etwas einsilbig verlief. Ich erfuhr, daß es sich um einen russischen Dichter handelt, aber so was kann einen im Fasching nicht beunruhigen oder stören. Zu der Gruppe gehörte noch, neben einer Dame, die mich irgendwie an eine bekannte Filmschauspielerin erinnerte, ein Photograph. Aus mir eigentlich unerfindlichen Gründen hatte der es hauptsächlich auf mich abgesehen, und ich wurde von ihm pausenlos photographiert. Das war mir fast ein wenig peinlich – warum immer nur mich? Warum nicht auch die anderen, zum Beispiel den russischen Dichter, der doch unser Gast ist? Oder war der Photograph vielleicht gar von meiner Frau, die verhindert war, engagiert worden, um mich, wenn nicht in flagranti, so doch wenigstens têteà-tête zu ertappen?

Ich vergaß die ganze Geschichte – und wurde erst wieder daran erinnert, als ich mich im „Stern“ wiederfand. Mit einem Faschingshut drapiert, saß ich da, mitten im Bild und so deutlich zu erkennen, daß die Stern-Redaktion sogar darauf verzichten konnte, meinen Namen eigens zu erwähnen. Nur auf den weniger bekannten russischen Dichter – es war also Jewgenij Jewtuschenko – wurde natürlich besonders hingewiesen und der Satz von ihm zitiert: „Bis zum Münchner Fasching hielt ich die Deutschen für kühle Leute“ – also bis er solche Heißsporne wie mich erlebte.

Leider ist ihm diese Begegnung nicht gut bekommen. Welche Folgen sie für ihn hatte, das ist mir erst so recht bewußt geworden, als ich dieses Photo nacheinander riesig vergrößert in „Paris Match“ und etwas kleiner in „Time“ wiederfand. In „Paris Match“ unter der Überschrift: „Die unverzeihlichen Fehler’ Jewtuschenkos.“ Dies sei eines der Photos, heißt es da, die zu Anklagepunkten gegen ihn geworden sind. Und darunter liest man, er habe sich mit dem Dolce Vita Bayerns vertraut gemacht und den Karneval mit unendlichen Diskussionen über abstrakte Malerei zugebracht, inmitten von fêtards, was, laut Lexikon, Lebemänner, Stutzer, Faulenzer sind. Der einzige, der dieser Klassifizierung nahekommt, das bin eigentlich ich. Und wenn in „Time“ von vergnügungssüchtigen bürgerlichen Intellektuellen die Rede ist, die ihn umgaben, dann ist eigentlich gleich klar, wer da vor allem gemeint ist.

Sicher mögen noch manche andere Faktoren zu seiner Verdammung beigetragen haben – aber den Ausschlag hat doch wohl jener Moment gegeben, als man im Kreml zur Lupe griff, um sich stirnrunzelnd jenen Mann näher anzusehen, der da behäbig, genußsüchtig, selbstzufrieden, faul, lebemännisch, abstraktionistisch, wie der böse Geist persönlich hinter Jewtuschenko sitzt. Ein kapitalistischer Ausbeuter wie er leibt und lebt! Das also war Jewtuschenkos Umgang. Dieses Bild sehen – und jedem wird klar, warum der Kreml ihn nicht mehr in den Westen reisen läßt.