Vermutlich konnte die Idee nur auf der Geburtsinsel der Eisenbahnen wirklich populär werden, in dem Land, wo es noch eine Romantik der Schienen gibt, wo Lokomotiven Namen haben, wo vor kurzem ein nüchterner und durchaus vernünftiger Geschäftsmann den für die Verschrottung bestimmten „Flying Scotsman“ für 3000 Pfund ankaufte, um das ausgediente Stahlroß in seinem Garten aufzustellen – und wo das ganze System der British Railways so veraltet ist, daß ein gewaltiger chirurgischer Eingriff geschehen muß, um den kranken Bahnkörper zu kurieren. Mit einem Wort: in England.

In England kann man also einen Urlaub in einem Eisenbahnwagen verbringen. Um sofort Mißverständnissen vorzubeugen: nicht etwa in einem Waggon, der mit so und so vielen Kilometern Geschwindigkeit in der Stunde geräuschvoll durch die Landschaft gezerrt wird, sondern in einer eigens für diesen Zweck eingerichteten „Camping Coach“, die still und beiläufig bei einer kleinen und verschlafenen Station auf einem Nebengeleise abgestellt wurde. Solche Wohnwagen gibt es jetzt auf 128 Standorten in den schönsten Gegenden des Landes, der überwiegende Teil von ihnen an der Küste in der Nähe eines sandigen Badestrandes, fern vom Lärm der Autostraßen und abseits vom Ferientrubel der Hotels und Boarding Houses. Sie führen zumeist „in splendid isolation“ ein idyllisches Dornröschendasein am Ende eines von Unkraut bewachsenen, dem Verkehr längst entfremdeten Rangiergeleises. Oft werden auch zwei oder drei solcher Wagen zu einer Art improvisierter Wohnsiedlung auf Rädern zusammengefaßt.

Der Waggon ist, nachdem er seine Aufgabe als Verkehrsmittel erfüllt hat, in ein wohlgefedertes Urlaubshäuschen für vier bis acht Personen umgewandelt worden, in einen komfortablen Super-Zigeunerwagen mit einer Wohnstube, einem Speisezimmer und zwei oder drei Schlafzimmern, zugegeben nicht allzu geräumig, aber bei bescheidenen Ansprüchen durchaus ausreichend. Gleichzeitig ist er überraschend reichhaltig ausgestattet: von der Kochgelegenheit bis zur Bettwäsche, vom Tischbesteck bis zum Besen, vom Korkenzieher bis zu den Liegestühlen ist alles vorhanden.

Nachteile? Gewiß hat das Arrangement Nachteile: es gibt weder fließendes Wasser noch Toiletten in den romantischen „Camping Coaches“; für beide Zwecke muß man sich zu dem kleinen Stationsgebäude bemühen, das, hundert oder hundertfünfzig Schritte entfernt, versonnen in der Landschaft liegt. Hier findet man den Bahnhofvorsteher, der die Urlaubsgäste als Hausherr und Maître de plaisir betreut, und vermutlich auch einen Weichensteller oder Gepäckträger, dessen Frau gegen ein kleines Trinkgeld alle Lebensmitteleinkäufe in dem benachbarten Dorf besorgt.

Die Kosten hängen von der Jahreszeit und der Bettenzahl ab, sind aber auf jeden Fall bemerkenswert niedrig. Die wöchentliche Miete für einen Waggon schwankt zwischen 60 und 130 Mark – gewiß nicht viel für eine vier- bis achtköpfige Familie. Die eleganten Pullmann-Wagen sind um eine Spur teurer. Allerdings macht es die Bahnverwaltung zur Bedingung, daß man die Reise zum Urlaubsort mit dem Zug unternimmt.

Wer nähere Auskünfte erhalten oder Reservierungen wünscht, wendet sich am besten an den Hauptbahnhof, in dessen Verkehrsnetz sein Urlaubsort liegen soll, also zum Beispiel Waterloo Station, Paddington Station oder Liverpool Station in London oder – wenn es einen nach Schottland gelüstet – Central Station in Glasgow. In jedem Fall richte man seine Anfrage an den „Line Manager“ des betreffenden Bahnhofs.

Robert Lucas