Laut Pressemeldungen ist Herr Ministerpräsident Franz Meyers davon überzeugt, daß die Hebamme, die ihn einstmals zur Welt holte, keine besonderen Schulkenntnisse gehabt habe. Sicher darf er von Glück sagen, daß ihm dabei kein Schaden zugefügt wurde. Möchte der Politiker aber wirklich die Geburtshilfe auf dem Status halten, den sie vor 54 Jahren hatte? Sollte ihm entgangen sein, daß die Entbindungskunst seither große Fortschritte gemacht hat? Sollte er nicht wissen, daß heute viel weniger Mütter und Kinder sterben und mehr gesund erhalten werden? Die neuzeitliche Geburtshilfe mit ihrer psychologischen Ausweitung, der Verbesserung der Vorsorge, des Mutterschutzes und der Entbindungsmethoden erfordert auch ein viel größeres Wissen und Können als früher.

In der Bundesrepublik geschieht fast die Hälfte aller Entbindungen zu Hause – immer unter Mitwirkung einer Hebamme, aber häufig ohne Arzt. Will man ein so kostbares Gut wie die werdenden Mütter nun Hebammen anvertrauen, deren Vorbildung nur Volksschul-„Reife“ erfordern soll? Analog genügt dann wohl auch eine Minderentlohnung, die heute für 43,4 Prozent aller Hebammen als monatliches Nettoeinkommen ohne Steuerabzug nur 155 Mark (!) beträgt.

Einige Politiker wurden alarmiert, als vor einigen Jahren von ausländischen Blättern gemeldet wurde, die Bundesrepublik habe eine sehr hohe Neugeborenensterblichkeit. Möchte doch auch Herr Meyers erkennen, daß es nicht einmal nur eine Forderung der Klugheit, sondern einfach auch der bei uns so gepriesenen Humanität ist, dem an der Wiege der Bevölkerung tätigen Berufsstand eine Verbesserung der Vor- und Ausbildung zuzubilligen. In diesem Zusammenhang von „Blüten des Ausbildungswahns“ zu sprechen, ist beschämend und läßt das Gefühl für die Sorge um Mutter und Kind vermissend Vielmehr sollten die Bestrebungen der Hebammenverbände und der Bundesgesundheitsministerin unterstützt werden, die als Vorbildung für den Beruf der „weisen Frau“ möglichst Mittelschulreife fordern.

Gelingt es nicht, den Hebammenstand attraktiver zu machen, so wird man damit rechnen müssen, daß Zahl und Leistung noch schneller schwinden. Rudolf Hellmann