Das rückständigste Gewaltregime Lateinamerikas wankt. Der schwarze Diktator von Haiti, Dr. François Duvalier, verschanzte sich in den letzten Tagen in seinem festungsähnlichen Palast; seine Geheimpolizisten – die „Tonton Macoutes“ – zogen mit Maschinengewehren durch die Hauptstadt Port au Prince und schossen ohne Warnung. Hunderte von Menschen sollen ohne Gerichtsurteil hingerichtet worden sein.

Duvalier wurde 1957 zum Präsidenten Haitis gewählt; noch in der Wahlnacht ließ er den Gegenkandidaten zusammen mit dessen Brüdern ermorden. Dann begann er unverzüglich damit, aus Verbrechern und Arbeitslosen eine Privatarmee zu rekrutieren – jene Armee, die nun seit sechs Jahren die paradiesische Insel terrorisiert.

Der ehemalige Landarzt, den die Amerikaner vor seiner Wahl für einen Vertreter der fortschrittlichen pro-amerikanischen Gruppe in Haiti gehalten und unterstützt hatten, entpuppte sich als Anhänger des Voodoo-Kults. Die Voodoo-Priester stützen ihn heute. Kultische Menschenopfer sind angeblich eins der Mittel, mit denen sich der Präsident seiner Gegner entledigt.

Der Nachbar Haitis, die Dominikanische Republik, hat jetzt deutlich gemacht, daß sie dem Treiben Duvaliers nicht länger tatenlos zusehen will. Die Dominikaner, die sich vor zwei Jahren von der Trujillo-Diktatur befreiten, vertrauen auf die Unterstützung der OAS-Staaten und der USA. Die Kennedy-Regierung hat Anfang des Jahres die Finanzhilfe für Haiti gekündigt. Schon wenige Monate nach dem Versiegen der Dollarquelle ist das Land jetzt vollständig bankrott.

In Kuba warten haitische Guerilla-Truppen, von Castros Revolutionären politisch und militärisch gedrillt, auf das Zeichen zur Invasion. In Washington wird man mit allen Mitteln versuchen, die Machtübernahme einer fidelistischen Gruppe auf der strategisch wichtigen Insel zu verhindern. k. h.