München

Am Aschermittwoch hatte der niederbayerische Bundestagsabgeordnete Franz Xaver Unertl dank handfester rhetorischer Anstrengungen vor der ländlichen Bevölkerung des Kreises Vilshofen atemlos den Gipfel seines politischen Wirkens erklommen. Jetzt, nur wenige Wochen später, widerfuhr ihm ein ganz persönlicher Aschermittwoch: Dem CSU-Volksvertreter wurde ohne irgendwelches Aufsehen die politische Basis entzogen. Ein Zahnarzt aus Griesbach, Unertls engerer Heimat, degradierte das Parlamentsmitglied.

Franz Xaver Unertl war schon 1953, als er in den Bundestag einziehen durfte, kein Unbekannter, wenngleich sich seine Popularität damals eigentlich bloß auf einen recht begrenzten Anteil der Gewerbetreibenden beschränkte: Er amtierte als Funktionär in diversen Viehhändlervereinigungen. Unertl kandidierte im Wahlkreis Vilshofen, und Kenner der dortigen Verhältnisse prophezeiten sofort einen harten Wahlkampf, denn die Bayernpartei, zu jener Zeit noch in voller Blüte, stellte ihm einen ihrer Besten gegenüber, den Freiherrn Anton von Aretin.

Es fügte sich daher glücklich, daß der Landesverband bayerischer Viehkaufleute seine Jahresversammlung genau auf den Wahltag angesetzt hatte, und zwar in Vilshofen. Allerdings leugnete Unertl, Vorstandsmitglied dieses Unternehmens, ohne zu erröten jedweden Kausalzusammenhang; nichtsdestoweniger stand von vornherein fest, daß er zuverlässig mit mehr als tausend Wahlscheinen der angereisten Berufskollegen rechnen durfte.

Es fügte sich weiterhin glücklich, daß dem Freiherrn von Aretin wenige Tage vor der Wahl ein eigenartiges Mißgeschick zustieß. In Vilshofen fand ein Volksfest statt, verbunden mit einer machtvollen Bauernkundgebung der Bayernpartei. Die Veranstaltung hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht, da wurde der Baron von der Polizei beiseite geführt. Ein Gerichtsvollzieher prüfte eingehend seine Brieftasche, leerte sie auf Wunsch eines Straubinger Autohändlers und gab Aretin dann wieder frei. Die ländliche Bevölkerung indes befand den Edelmann für unsolide und wählte Unertl nach Bonn.

Dort verhielt sich der neue Abgeordnete zunächst abwartend. Ein Jahr nach seiner Delegierung konnte er den Vilshofenern aber schon über eine politische Tat Rechenschaft ablegen: Gemeinsam mit 18 weiteren Volksvertretern unterzeichnete er eine Kleine Anfrage – Stichwort: „Fahrradbenutzung durch Landbriefträger“ –, in der über die verspätete Postzustellung im östlichen Bayern lebhaft Beschwerde geführt wurde. Und wiederum einige Monate später machte ein Kraftspruch Unertls die Runde in Vilshofen: Als während einer Fraktionssitzung zahlreiche CDU-Kollegen Schluß der Debatte verlangten, obwohl Unertl noch nicht zu Wort gekommen war, drohte er düster: „Euer Haufen wird auch mal klein werden.“ Von nun an galt der niederbayerische Viehhändler als Mann der kernigen Redensarten. Klein, rundköpfig, gedrungen, mit listigen Augen und Schweißtröpfchen auf der Stirnglatze, bewegte er sich forsch durch den Bundestag. Im Plenum setzte er sich energisch für ein Verbot des Hausierhandels mit Flaschenbier ein und beschwor das Hohe Haus wortreich, ihm doch ein solches Gesetz zu „schenken“, da er gerade Namenstag habe. (Sein Ruf verhallte ohne Echo, möglicherweise weil Unertl sich außer dem Viehhandel auch noch der Profession eines Gastwirts widmet.)

Ähnlich beredt zeigte sich der Volksvertreter Anfang 1956, als die Sozialdemokraten die Aufhebung der Zuckersteuer verlangten, während die CDU/CSU diesen SPD-Antrag von der Tagesordnung abzusetzen wünschte. Unbekümmert lockte der Vilshofener Abgeordnete wider den Fraktionsstachel und wandte sich gegen die Verschleppungstaktik der Regierung bei Steuersenkungen: „I hob’s Ohrwaschel an der Bevölkerung. Mir sogn’s, was sie denken. Aber wenn der Schäffer als Minister kommt, mit sein Redeschwall und sein Zahlenmaterial, dann ham’s ’s Herz gleich in der Hosntaschn.“