Von Josef Müller-Marein

Hamburg ist, was den Ruhm seines Opernhauses angeht, immer der Platz der schönen, großen Stimmen gewesen. Es war, wie München, letzte Absprungstufe der deutschen „Weltsolisten“ für die Staatsopern Berlin und Wien. Es blieb in dieser Hinsicht stark, weil Berlin und Wien den Nachschub gar nicht so schnell aufnehmen konnten, den Hamburg (wie München) zu liefern in der Lage war. Es gab ein Berliner bon mot: „Hamburg handelt mit Kaffee und Tenören.“

Als der Schock der ersten Nachkriegsjahre die Berliner und Wiener Musikbühnen paralysierte – nicht lange, aber immerhin –, hatten die Hamburger das unwahrscheinliche Glück, einen Mann zu finden, der aus der größten Not die schönste Tugend machte: Dr. Günther Rennert. Es heißt, daß dies Glück. den Engländern auf Empfehlung des Dr. Schmidt-Isserstedt zu verdanken war. Wenn das stimmt (wie ich glaube), dann haben wir zweierlei festzuhalten: Erstens hat die traditionelle England-Freundlichkeit Hamburgs diesmal einen musischen Grund; Zweitens hat Glück auf die Dauer nur der Tüchtige.

Rennert hat etwas Unvergeßliches getan. Er hat, unterstützt von Caspar Neher, in einem Miniatur-Raum, nämlich dem unversehrt gebliebenen Bühnenhaus der alten, zerstörten Oper, modernes Musiktheater gemacht. Von hier datiert nicht bloß die Erneuerung der Hamburger Operntradition, sondern der deutschen Musikbühne überhaupt. Dies ist und bleibt auch dann wahr, wenn man die Hamburger verdächtigt, daß sie von dem revolutionären Geist, der sich da in einer Nußschale innerhalb ihrer Stadtmauern austobte, nichts gemerkt hätten – was doch höchst unwahrscheinlich ist!

Rennert, dem die Hamburger in hundert Jahren ein bronzenes Denkmal errichten werden (statt Lessing-Zopf auf dem Kopf einen großen Hut in der Hand) setzte als Neubau ein Opernhaus durch, dessen Stil mittlerweile Schule gemacht hat. Er ärgerte sich an der Kritik der Hanseaten, die sein Haus zuerst nicht mochten. Er vergaß, daß die leidenschaftlichsten Hamburger neuerdings gar nicht aus Hamburg waren. Er ging weg.

Die Hamburger, nicht faul, nahmen einen Künstler an seiner Statt, der als Rundfunkmann hergekommen war und den sie schon deshalb gut leiden mochten, weil er Liebermann hieß und ein Verwandter war. Verwandt zu sein, ist etwas Patrizisches; auch hatten die Hanseaten den Ur-Liebermann, den Maler, stets geliebt, und dies war nun der Großneffe. Daß er Schweizer war von Nationalität, nun gut: Freie Bürger der Ebene lieben freie Bürger der Berge.

Kurzum: Nachdem sie den Operndirektor der verwegenen Armutsjahre Günther Rennert gehabt hatten, nahmen sie den Grandseigneur und Komponisten Rolf Liebermann. Sagt man „Fesselt keinen Komponisten, der uns noch viel Schönes schenken kann“, so sagen sie: „Fesseln wir ihn doch solange, als er nicht auf die Idee kommt, daß er auf alles Gegenwärtige verzichtet, um nur für die Zukunft zu schaffen!“ (Man beachte das „nur“ im Falle der Zukunft.)