Die Jahresabschlüsse für 1962 und die Fülle von Kapitalerhöhungen hätten genügen sollen, um eine Aufwärtsbewegung herbeizuführen. Aber die Börse liebt die gegenwärtige französische Politik nicht sonderlich. Sie hat das Gefühl, daß die Regierung sich noch immer nicht klar über die Linie ihrer Wirtschaftspolitik ist. Einerseits werden für eine Anzahl industrieller Erzeugnisse Höchstpreise und eine Begrenzung der Verdienstmargen verfügt, andererseits wird dem Drängen der Landwirte auf Heraufsetzung des Milchpreises nachgegeben. Die Zölle werden herabgesetzt, um einen Druck auf die Binnenpreise auszuüben, und schließlich werden Bestimmungen getroffen, die eine höhere Besteuerung der Privatunternehmen vorsehen, wenn diese im Laufe eines Jahres ihren Angestellten Lohnerhöhungen von mehr als 3 % gewähren, mit dem Hinweis darauf, daß die Erhöhungen der Planifizierung widersprechen. Alles dies mindert die Unternehmerinitiative.

Am empfindlichsten sind von all diesen Unklarheiten Werke betroffen, die Investitionsgüter herstellen. Die Auftragsbestände gehen zurück, und vereinzelt werden schon Personalentlassungen vorgenommen. Diese Entspannungserscheinungen nach einer Periode stürmischer Expansion dürfen gewiß nicht allzu ernst genommen werden, Sie genügen aber, insgesamt betrachtet, um ein Aufleben der Unternehmungslust auch an der Börse zu verhindern.

Bei Saint-Gobain befürchtete die Börse zunächst, daß eine Dividendenherabsetzung vorgenommen werden müßte, die Dividende vielleicht sogar ausfallen könnte. Schließlich wurde jedoch bekannt, daß die Gewinne von 44,6 auf 49,3 Mill. Frs. gestiegen sind, und eine Nettodividende von 4,75 Frs.-gegen 5,25 Frs. im Vorjahr zur Verteilung gelangen wird, was praktisch eine höhere Ausschüttung bedeutet, da diesmal 8,35 gegenüber 6,95 Mill. Aktieneinheiten zu bedienen sind. Ganz ähnlich ist die Lage bei vielen anderen Gesellschaften, die effektiv mehr ausschütten als im Vorjahr, aber unter Kursdruck stehen, weil das Interesse an Aktien grundsätzlich nachgelassen hat.

Innerhalb der geringen Gesamtumsätze an der Pariser Börse – sie bewegen sich im täglichen Durchschnitt auf dem niedrigen Niveau von 75 bis 80 Mill. Frs. – spielen festverzinsliche Werte eine ständig größere Rolle. An der Spitze liegt die Pinay-Rente, die wegen der ihr anhängenden fiskalischen Vorteile und der Indexierung auf das französische Goldstück zu 143 und 144 % notiert und neuen Höchstkursen entgegenzueilen scheint. Die Absicht der Regierung, eine neue Anleihe auszugeben, hat ihrer Beliebtheit nicht Abbruch getan. Es steht nun fest, daß noch im Laufe dieses Monats eine Staatsanleihe zu 4 1/4% im Betrag von einer Milliarde Francs, in 15 Jahren tilgbar, steuerfrei für Privatpersonen, ausgegeben werden soll. Die Börse hatte befürchtet, daß der Anleihebetrag 5 Milliarden betragen wird. Sie hat die geringere Beanspruchung des Kapitalmarktes daher mit Erleichterung ausgenommen und mit einer schwachen Aufwärtsbewegung der Kurse beantwortet. Es ist aber zu vermuten, daß die Regierung diesenbescheideneren Anleihevertrag nur wählte, weil sie die Absicht hat, mehrere Anleiheabschnitte, die durch besondere Einnahmen (zum Beispiel Gebühren für die Benutzung von Autobahnen) gesichert sind, auszugeben. Retlaw