Hätte der deutsche Michel auch einen „Michelin“ nach französischem Muster, so wäre inmitten eines ziemlich leeren Umkreises ein großer Stern an einem winzig kleinen Ort zu finden. Er liegt an der Bundesstraße 16 zwischen Füssen und Wörishofen. Das einzig Bemerkenswerte an dem 1300 Einwohner zählenden Dorf Biessenhofen war bis vor dreieinhalb Jahren nur die große Niederlassung einer Schweizer Kindermilchfabrik; von ihr lebt die ganze Umgebung. Dann baute der Erbe der unscheinbaren Dorfwirtschaft seine „Neue Post“ zu einem modernen Hotel um: Einzelzimmer mit Dusche von acht Mark an, Doppelzimmer mit Bad kosten bis 25 Mark.

Mit der kühnen Idee, seine in Schweizer und holländischen Hotels erworbenen Kochkünste einer größeren Schar von Feinschmeckern anzubieten, hatte er Glück: Gourmets aus weitem Umkreis bis Augsburg, München, Stuttgart lassen sich locken und strömen herbei. Die zwanzig Seiten umfangreiche Speise- und Getränkekarte ist die einzige sichtbare Reklame: Jedermann darf sie mitnehmen.

„Unsere Gäste? Sie werden es kaum glauben“, lacht die Chefin. „Weit mehr als die Hälfte kommen aus Wörishofen, Wer eine Zeitlang brav gelebt hat, kommt gern wieder mal ‚sündigen‘. Wir haben Stammgäste, die sich nach der Kur hier einquartieren und acht Tage lang die ganze Speisekarte herunteressen.“

Da sitzt so ein Wirtschaftskapitän mit Nackenfalte und gutmütigen, in Vorfreude glänzenden Augen. Madame, nicht weniger rundlich, seufzt in Gedanken an schlanke Linie oder Leber und sündigt genießerisch. Aber auch sehr viele bescheidenere Autos aus der Umgebung kommen an, mit jungen Leuten, die hier mit Neugier und Lerneifer sich weltmännisch geben: chinesisches Koo Loo Yuk, türkischer Dschiger Kebag, südamerikanisches Jambalaya. Das einzig Bayrische daran: reichlich und erstaunlich preiswert.

„Und wenn schon!“ sagt der Wörishofener Kurdirektor, auf das benachbarte Schlemmerlokal hingewiesen. „Wenn von unseren monatlich sechstausend Kurgästen (im Sommer) ein paar aus der Reihe tanzen, ist das ihre Sache. Unsere Individualgäste“, bemerkt er, „erhalten ohnehin nur zu vierzig Prozent Verpflegung im Hause; aber alle unsere Restaurants hier sind auf Diätkost, auf vegetarische Kost eingestellt. Ein großer Teil der Kur ist ja Erziehung zum geordneten, natürlichen Leben.“ Nur die „Sozialgäste“, etwa zwölfeinhalb Prozent der Gäste, werden in ihren Krankenanstalten verpflegt.

Wörishofen ist Kneipp-Kurort, doch Wasserkuren sind hier nur ein Teil der Therapie; hinzu kommen Reformkost, Bewegungs-, Kräutertherapie und ein „geordnetes Leben“. Heute bemühen sich um die etwa 45 000 Kurgäste, die jährlich hierherkommen, 51 Kurärzte. Fast mit ihren Worten sagte einmal der Pfarrer Kneipp: „Kaum wirkt ein Umstand schädlicher auf die Gesundheit als die Lebensweise unserer Tage.“ Er sagte es im Jahre 1889.

Wörishofen oder Biessenhofen? Oder beides? Am besten ist wohl der daran, der mit einem „geordneten Leben“ oder mit einer guten Gesundheit oder mit beidem gesegnet ist.

Jutta Rudershausen