Von Gerhard Sciaoenberner

In diesen Wochen und Monaten häufen sich die politischen Gedenktage. Die dreißigste Wiederkehr der „Machtergreifung“ und des ersten Jahres der Naziherrschaft liefert uns eine Fülle bedrückender Daten – wenig Anlaß zu deklamatorischen Festreden, aber viel Grund zum Nachdenken. Heute, da der innere Zusammenhang der verschiedenen Maßnahmen, der hinter ihnen stehende Plan dem zurückblickenden Betrachter klar wird, liest sich der Terminkalender jener Tage wie ein atembeklemmendes Drama.

Am 30. Januar beruft Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Am 2. Februar ergeht ein allgemeines Demonstrationsverbot. Am 24. Februar erklärt Göring SA, SS und Stahlhelm zur „Hilfspolizei“. Vier Tage später, am Morgen nach dem Reichstagsbrand,wird die „Verordnung Zum Schutze von Volk und Staat“, sprich: die Aufhebung der demokratischen Grundrechte, verkündet. Die erste große Verhaftungswelle setzt ein. Am 5. März finden die letzten Wahlen statt. Drei Wochen darauf beschließt der Reichstag gegen die Stimmen der SPD das Ermächtigungsgesetz. Die ersten Konzentrationslager werden eingerichtet. Am 1. April organisiert die NSDAP im ganzen Reich einen Boykott gegen alle jüdischen Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsleute. Am 7. April tritt das sogenannte „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in Kraft, dem bald das Reichskulturkammer- und das Schriftleitergesetz folgen: Die wirtschaftliche Ausschaltung der jüdischen Bürger beginnt. Am 26. April wird die Gestapo gegründet. Am 2. Mai werden die freien Gewerkschaften verboten, ihre Häuser und ihr Vermögen beschlagnahmt. Und am 10. Mai schließlich findet die Bücherverbrennung statt: die Austreibung des freien Geistes. Der politischen und sozialen Unterdrückung des deutschen Volkes folgt jetzt seine intellektuelle Entmündigung.

Der symbolhafte Akt des Autodafés, das sich in allen deutschen Universitätsstädten vollzog, war die propagandistisch aufgezogene Demonstration einer Kulturpolitik, die sich keineswegs auf diesen Tag, die dort verbrannten Bücher oder die Literatur überhaupt beschränkte. „Wider den undeutschen Geist“ nannte sich diese Aktion des deutschen Ungeistes, der im Laufe der Zeit fast die gesamte deutschsprachige Literatur der Gegenwart, ein großer Teil der Weltliteratur und zahlreiche europäische Klassiker zum Opfer fielen.

Eine erste Schwarze Liste, die den SA-Leuten und NS-Studenten zur Anleitung bei der „Säuberung“ der öffentlichen Büchereien von „allem undeutschen, jüdischen und marxistischen Schrifttum“ diente, nennt in alphabetischer Reihenfolge 131 Namen, unter ihnen: Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Albert Ehrenstein, Lion Feuchtwanger, Ivan Goll, Walter Hasenclever, Erich Kästner (alles außer „Emil und die Detektive“), Heinrich Mann, Robert Neumann, Theodor Plievier, E. M. Remarque, Ludwig Renn, Arthur Schnitzler, Anna Seghers, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Franz Werfel, Arnold Zweig und Stefan Zweig.

Dazu kamen Voltaire und Lessing, Marx und Heine, Einstein und Freud, Zola und Romain Rolland, Jaroslaw Hašek und Egon Erwin Kisch, Gorki, Scholochow, Ehrenburg, Gladkow und Sostschenko, Jack London, Upton Sinclair, Ernest Hemingway und ungezählte andere. Die Liste der verbotenen Schriftsteller wuchs auch nach dem 10. Mai ständig weiter. Im Laufe weniger Monate stieg ihre Zahl auf 256 an. 1934 standen bereits über 4000 Titel auf dem Index. Heute schätzen die Fachleute, daß insgesamt mehr als tausend Autoren verboten waren. Für deren Verbreitung drohte den Verlegern, Bibliothekaren und Buchhändlern je nach Schwere des Falles eine Verwarnung, Streichung aus der Berufsliste oder Einweisung in ein KZ.

Der Literatur folgten die bildenden Künste, Architektur und Musik. Überall wirkte das gleiche Prinzip, das alle Kunst von Weltgeltung verbannte und so das Mittelmaß nach vorn schob. Auch hier hieß es nun: Thorak statt Barlach, Adolf Ziegler statt Paul Klee, Speer statt Gropius, Herms Niel statt Paul Hindemith. Die Liste der zur Emigration gezwungenen Maler, Bildhauer, Komponisten, Dirigenten, Musiker, Sänger, Schauspieler, Regisseure, Architekten und Wissenschaftler umfaßt mehrere tausend Namen. Sie ist ein Querschnitt durch eine ganze Epoche deutscher Kultur.