Chruschtschows Stellung und die Spekulationen über eine Wachablösung

Von Wolfgang Leonhard

Erst gab es Gerüchte, Nikita Chruschtschows Thron wanke; heftige Auseinandersetzungen im Kreml hätten seine Stellung geschwächt. Dann sprach Chruschtschow selber und machte die rätselhafte Andeutung, er könne sein Amt „nicht ewig“ einnehmen; allenthalben war vom etwaigen Nachfolger Koslow die Rede. Jetzt aber hat ein Gehirnschlag Koslow gelähmt. Wolfgang Leonhard untersucht den ganzen Fragenkomplex. Er macht dabei deutlich, daß das Nachfolgerproblem in Moskau noch weit schwieriger zu lösen ist als in Bonn.

In einer mehrstündigen Rede, deren Text fast fünf Seiten des Riesenformats der Prawda einnahm, gab Chruschtschow folgende, in Inhalt und Form recht eigentümliche Erklärung ab:

„Die Partei ist es, die aus ihrer Mitte den Führungskern ausliest, in den die würdigsten und erprobtesten Führer gewählt werden.

Ich glaube, niemand wird mich verdächtigen, daß ich, wenn ich davon spreche, irgendeine eigene Sonderstellung in der Partei im Sinne habe. Ich bin schon 69 Jahre alt und habe das Recht das zu sagen. Jeder begreift, daß ich den Posten, den ich jetzt in der Partei und im Staat bekleide, nicht ewig einnehmen kann. Deshalb denke ich, wenn ich davon spreche nicht an mich selbst, sondern an unsere Leninsche Partei, an das Sowjetvolk, an die große Sache des Kommunismus. Ein schlechter Führer ist der, der unter der Rolle der Persönlichkeit in der Gesellschaft nur seine persönlichen Interessen, seine Lage und seine Person sieht.“

Es ist freilich ratsam, aus diesen Äußerungen keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Zunächst war dies nicht das erste Mal, daß Chruschtschow sich über sein Alter ausließ und die Notwendigkeit andeutete, schrittweise neue Führer heranzuziehen. Er hat das in den letzten Jahren wiederholt getan, wenn auch nicht immer in so akzentuierter Form. Und die Tatsache, daß er während der letzten Wochen in der Öffentlichkeit besonders stark herausgestellt, gefeiert, ja verherrlicht wird, deutet eher darauf hin, daß Chruschtschows Ablösung von einem oder von beiden seiner Posten keineswegs unmittelbar bevorsteht.