Kein Er de der Algerien-Politik

R. F., Paris, im Mai

De Gaulle, der Meister der politischen Regie, hatte den jüngsten französischen Atombomben-Versuch in der Sahara auf den 18. März fallen lassen, auf jenen Tag, an dem der Kooperationsvertrag von Evian sich zum erstenmal jährte. Diese Geste ist in Algier verstanden worden. Daher der algerische Protest. Andererseits ist aber in Paris registriert worden, daß die Proteste Ben Bellas und seine wiederholten Forderungen nach einer Revision der Verträge von Evian relativ maßvoll geblieben sind. Das läßt gewisse Schlüsse zu.

Als die Siedler europäischer Herkunft in einer Massenflucht das Land verlassen hatten, zeigte sich, daß grundsätzliche Elemente der algerischfranzösischen Vereinbarungen gegenstandslos geworden waren. Ben Bella wartete nicht, sondern forderte eine Überprüfung des Vertrags, wobei er vielleicht vergaß, daß die Entwicklung der Dinge auch für Paris andere Ausgangsbedingungen geschaffen hatte. Nach den Erwartungen des französischen Rückwanderungsministers François Missofie dürfte ein erheblicher Teil der rund hunderttausend in Algerien verbliebenen Piedsnoirs im kommenden Sommer ebenfalls in die Metropole zurückkehren. Damit verringert sich für Frankreich die Veranlassung zu einer Politik der wirtschaftlichen Unterstützung, die ein Vielfaches jener Summen verschlingt, die einst Marokko und Tunesien bewilligt worden waren – faßt zwei Milliarden Francs in diesem Jahr.

Aber auch, wenn die gesamte europäische Kolonie repatriiert würde, könnte es Frankreich nicht gleichgültig sein, was in Algerien vor sich geht. Frankreich hofft eine einigermaßen geordnete Entwicklung der algerischen Republik und hat dabei ganz auf die Karte Ben Bella gesetzt. Deshalb bemüht sich die französische Politik um eine Verständigung mit dem algerischen Führer. Sie mißt dem Buchstaben der Evian-Verträge weniger Gewicht bei als der innenpolitischen Position Ben Bellas.

Aus diesem Grunde hat der französische Staatssekretär für algerische Angelegenheiten, Jean de Broglie, am Vorabend des Besuchs von Präsident Nasser in Algier ein wichtiges, weil freundschaftliches Gespräch mit Ben Bella geführt. Sein Resultat war günstig für den algerischen Premier. Frankreich beharrt zwar auf dem Geist und dem Rahmen der Verträge von Evian, aber er hat sich bereit erklärt, den Rückzug seiner Truppen aus Algerien mit Rücksicht auf den praktisch bereits abgewickelten Exodus der europäischen Zivilbevölkerung vom 1. Juli 1965 auf Ende 1964 vorzuverlegen, Mers-el-Kebir und andere Militärstützpunkte allerdings ausgenommen.

Vorläufig hat Paris zwar keineswegs verlauten lassen, ob auf die Fortsetzung der Atomversuchs-Serie in der Sahara verzichtet werden soll. Doch haben sich die Experten bereits nach einem anderen Testgelände umgesehen. Die Wahl fiel auf das Atoll Mururoa im Pazifischen Ozean, wo die französischen Polaris-Raketen und – ab 1967 – auch die französische H-Bombe erprobt werden sollen.

Wenn man über den triumphalen Empfang Nassers in Algier und seine vorzeitige Abreise nachdenken will, dann sollte dies nicht ohne Rückschlüsse auf die Haltung Frankreichs geschehen.