Wer einen Pelz hatte, gab ihn auf der großen Modenschau der Pelzmesse in Frankfurt nicht an der Garderobe ab. Nur schlichte Tuchmäntel wurden an den Kleiderhaken aufgehängt. Ob Pelzmantel, Pelzjacke, Pelzjäckchen oder Pelzstola, ob hingehauchter Nerzbesatz am Kragen oder Breitschwanzaufschläge am Frack – man zeigte, was man hat. Als jedoch die ersten Mannequins über den Laufsteg schritten, blickten alle Gäste verzaubert auf die Kreationen der Kürschner, ganz gleich, ob sie mit pelzbedeckten oder nackten Schultern erschienen waren. Unter dem Motto Pelz trägt man das ganze Jahr hatte der Modeausschuß des Kürschnerhandwerks von 235 eingeschickten Modellen 180 ausgewählt. Nach dreistündigem Défilé hegte niemand mehr einen Zweifel: Die Kürschner bringen es fertig, die Dame vom Frühling bis zum Winter, vom Morgen bis Mitternacht, auf Jagdgefilden und am Nordseestrand, vor dem Fernsehschirm und zum Fünf-Uhr-Tee bis hin zum Traualtar passend und à la mode anzuziehen. Vor keiner Farbe und vor keinem Schnitt kapituliert ihre Kunst.

Die Schau begann mit Pelzen für "Après"-Gelegenheiten: In einem Hosenanzug aus hellblauem Breitschwanz soll die Dame Freude bereiten in Arosa und St. Moritz. Für ein besseres Hotel war ein schwarzes Persianer-Russenkittelchen, mit Goldborte besetzt, gedacht. Nicht für das Pferd, aber für eine gepflegte Jagdatmosphäre wurde ein Fohlenkostüm mit schwarzer Halskrause ausgewählt. Ein schmales zweiteiliges Abendkleid, hochgeschlitzt, aus schwarzem und tabakbraunem Persianer war für Damen mit Kleopatra-Look gedacht. Die Farbenskala, mit der die Kürschner vor allem die Persianerfelle verfremdeten, war verwirrend: Grün, Orange, Himbeer- und Möhrenfarbe waren die kühnsten Töne.

Nicht um jeden Preis müssen die Pelze heute gegen Kälte oder die Unbill des Winters schützen. Sie sind auch nicht mehr die Gebrauchsgüter, die man sich "fürs Leben" anschafft. Denn die Mäntel, Paletots und Jacken sind hochmodisch und in spätestens drei Jahren unmodern. Die Pelzmantel-Mode reicht vom schmalen Hänger bis zur körperfernen Redingote-Linie, vom sportlich geschlitzten Reisemantel bis zur großzügigen Drachenlinie. Hier sind die Schultern schmal angesetzt und weiten sich glockig bis zu einem vier Meter weiten Saum. Oft sind schmale, tief eingesetzte Kimonoärmel zu sehen. Ein zusätzlicher Effekt wird erreicht, wenn Felle, wie Nutria, Bisam, Nerz und Breitschwanz, quer verarbeitet sind.

Je kostbarer die Felle, desto zurückhaltender wird der Schnitt. Zu den glanzvollsten Stücken der Kollektion gehörten drei Ozelot-Mäntel mit leicht bläulichem Stich, und sehr dekorativ war ein Alaska-Sealmantel mit angesetzter Zobelkapuze. Diese Kostbarkeit zu tragen, als seien sie Konfektionsstücke aus dem Kaufhaus, erfordert besondere Fähigkeiten. Die Devise lautet: Nur nicht angeben und so tun, als sei ein Fell etwas Besonderes.

Die Kürschner gestehen, daß ihre Geschäfte noch nie so gut waren, wie im letzten Jahr. Der Umsatz stieg von 361 Millionen Mark im Jahre 1961 auf 418 Millionen im folgenden Jahr. Eine Sommerpause verspürten sie kaum. Die Gründe ihres größeren Umsatzes: Die Pelzmützenmode der Herren und der Schrei der Damen-Konfektion nach Pelzbesätzen.

Was Nerz sein kann, wurde dem deutschen Publikum als "Einlage" von Modehäusern aus Paris, New York, London und Australien demonstriert – außer Konkurrenz. Bei dieser Parade war ein Nerz-Mantel kein modischer Gebrauchsgegenstand mehr, sondern ein verschwenderisches Kunstwerk, bei dem der Couturier nicht nach dem Abnehmer geschielt hatte, aber nach jenen, die gern ein bißchen mit Nerz spielen ...

Nina Grunenberg