Von Johannes Jacobi

Und dafür sind Sie eigens nach Berlin gereist?“ Ein einheimischer Kollege stellte mir diese Frage, als wir, beide ziemlich stumm und stumpf, nach der Eröffnungsvorstellung („Robespierre“ von Romain Rolland) den Theaterneubau der Freien Volksbühne verließen. Hatte ich falsch disponiert?

Die sogenannten „Berliner Begegnungen“, die erklärtermaßen auf Probe liefen, versprachen eine Woche lang vorwiegend Berliner Interna: Konzerte mit Werken von Gustav Mahler, Aaron Copland und Michael Tippett, dazu Vorträge und Diskussionen, die sich auf sechs zeitgenössische Werke im Spielplan der Berliner Deutschen Oper bezogen. Hatte man denn gar nicht bedacht, daß die akademische Jugend Berlins während dieser neuen Veranstaltungsreihe Semesterferien hatte? Die schwache Publikumsresonanz der Gespräche bestätigte, daß ein grundlegender Fehler begangen worden war.

Das moderne Opern-Repertoire hätte in solch eindrucksvoller Zusammenfassung – Schönberg, Milhaud, de Falla, Blacher, von Einem, Henze – während der herbstlichen Berliner Festwochen ausgestellt werden sollen. Deren Hauptakzent lag stets auf der künstlerischen Eigenleistung Berlins. Das unterschied diese Festwochen doch von zusammengekauften Festspielen.

Das Hauptereignis der zeitgenössischen Opernwoche war die szenische Uraufführung der dreiteiligen „Orestie“ des Aischylos, die Darius Milhaud nach der Übersetzung Paul Claudels vor mehr als vierzig Jahren komponiert hat. Ich besuchte die zweite Vorstellung, während gleichzeitig ein Theaterneubau Fritz Bornemanns (des Erbauers auch der Deutschen Oper) „preisend mit viel schönen Reden“ von der Berliner Freien Volksbühne eingeweiht wurde. (Siehe „Theater“ auf dieser Seite; vgl. auch den „Kleinen Kunstkalender“ auf Seite 12). Am nächsten Abend zeigte Erwin Piscator seine erste Inszenierung im neuen Haus.

Während des Festaktes ist ein bemerkenswertes Wort gefallen: „Für ein nur gemütliches Theater braucht man kein neues Haus.“ Der Regierende Bürgermeister Brandt hat das gesagt. Überraschenderweise wird nun aber dem neuen Theatergebäude Bornemanns vor allem seine Gemütlichkeit nachgerühmt. Man nennt sie „Intimität“ und meint damit den Zuschauerraum.

Des weiteren wird gelobt, wie unauffällig sich die auseinandergezogenen Teile dieses kubischen Zweckbaus zwischen alten Bäumen eines kleinen Parks verstecken. Auch zur Hinterfront des ehemaligen Joachimsthalschen Gymnasiums hat der Architekt taktvoll-nachbarschaftliche Beziehungen hergestellt.