Mit Graham Greene in Berlin (II)

Von Rudolf Waller Leonhardt

Der britische Schriftsteller Graham Greene, der sich gegenwärtig auf Einladung der sowjetzonalen Gesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland in Ostberlin aufhält, hat am Samstag zusammen mit seinen Gastgebern die Sektorengrenze am Brandenburger Tor von der Ostberliner Seite aus besichtigt. Wie die Sowjetzonen-Nachrichtenagentur berichtet, hatte Greene bei dieser Gelegenheit ein einstündiges Gespräch mit einem Hauptmann der Ostberliner Stadtkommandantur. Diesem gegenüber setzte sich Greene laut ADN für die Bestrebungen der an den Ostermärschen teilnehmenden Atomwaffengegner ein. Außerdem trug sich Greene nach der Besichtigung der Mauer und der Ostberliner Sperranlagen in das Gästebuch des Ostberliner Stadtkommandanten ein.

So verkündete es die Nachrichten-Agentur Associated Press am 13. April 1963. Die Berliner Vertreter der dpa wußten darüber hinaus von einem in Westberlin Enttäuschten zu berichten, der sich in unserer Hälfte der Stadt verleugnen ließ, während er drüben dann groß herauskam.

Die Unterrichtung des deutschen Zeitungslesers ist selten so, wie man es sich wünschen möchte – und wenn es um Berlin oder um die DDR geht, wird’s zuweilen phantastisch. Daher der Versuch, hier die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu erzählen.

Als einer der Gründe für diese geheimnisvolle "Enttäuschung" Graham Greenes war "Krach in seinem Westberliner Hotel" angegeben worden. Und das stimmte ja nun wortwörtlich – wenn’s zunächst auch gewiß nicht so gemeint war.

Greene, der wirklich "shy" ist (was schlechte Übersetzer "scheu" nennen, während es vielmehr "sehr zurückhaltend gegenüber Fremden" bedeutet), war entsetzt, in seinem "ruhigen Grunewald-Hotel" (so hatte er es in sentimentaler Erinnerung) ausgerechnet eine Tagung von Journalisten versammelt zu finden.