Ich gestehe, ich werde skeptisch, wenn ich hochtrabende Worte hören muß über – Mütter. Die Frau und Mutter bildet – der erhobene Zeigefinger von Rednerpult und Kanzel weist auf die Bedeutung hin –„den Kern der Familie“, sie ist es, die diese bedeutsame „Zelle des Staates“ formt, und ihr obliegt die eherne Aufgabe, kraft ihrer Persönlichkeit die Kinder zu formen, „Kinder, die doch später die Träger der Nation werden und für das Wohl und Wehe ihres Landes Verantwortung tragen“. Oder wenn ministerielle Appelle verkünden: „Ein Volk blüht oder verdirbt mit seinen Müttern.“ Dazu sehe ich ungewollt Hitlers Mutterkreuz in der Schublade meiner Großmutter, mir fällt die sowjetische Heldenmutter aus Leningrad ein, und ich erinnere mich der gequälten Gedichte in der Schulstunde zum Muttertag: „Mütterlein, lieb Mütterlein ...“

Die Redlichkeit gebietet, nicht frei von Skepsis, aber frei von Vorurteilen vom alljährlichen Empfang des Müttergenesungswerkes, diesmal in Darmstadt, zu berichten.

Es ging sehr familiär zu. Die Wagenauffahrt vor dem Studentenheim der Technischen Hochschule in der Dieburger Straße hielt sich in Grenzen. Die Kirschblüte ist schon vorbei. Frauen – oder sagt man Damen oder Mütter? – in dunklen Kostümen und strengen Frisuren (ich zählte allerdings nur drei Dutts und einen zur Schnecke gerollten blonden Zopf) legen ihre Mäntel ab. Energisch geschnittene glatte Gesichter, kaum Make-up, kräftige Stimmen. Die Herren – oder sagt man Männer? – in dunklen Anzügen blieben in der Minderheit.

Großes Hallo. Man kennt einander. Herr Bott, jovialer Adlatus des ersten Bundespräsidenten, macht einen Kratzfuß vor den Damen des Roten Kreuzes. Georg August Zinn, Ministerpräsident von Hessen ( Heuss nennt ihn schlicht „der Zinn“) spricht stolz von seinem schönen Hessenland. Die Ministerialrätin aus dem Bonner Innenministerium, die Spitzen der Ortskrankenkassen, die Damen der Caritas und der Evangelischen Frauenhilfe schwatzen durcheinander. Pastor Niemöller (zurück aus Amerika, bald geht’s nach Ungarn, Ostberlin, Finnland und noch zweimal in die Staaten) muß sich sagen lassen: „Sie brauchen Erholung, Herr Kirchenpräsident Erholung war dann auch das Thema. Erholung nicht für Väter, sondern für Mütter.

Wilhelmine Lübke – nicht als Landesmutter, dafür als erste Dame des Staates vorgestellt – ist die Vorsitzende des Deutschen Müttergenesungswerkes. Sie wartete mit Zahlen auf: Über 180 Heime verfügt das Werk; 700 000 Mütter sind in ihnen seit Gründung des Werkes vor dreizehn Jahren gepflegt worden; sechzig Millionen Mark brachten die alljährlichen Straßen- und Haussammlungen ein. Sieben Millionen wurden im letzten Jahr gesammelt.

Theodor Heuss, dem die Schritte zum Rednerpult nicht mehr so leicht wie früher fallen, scheint hier die eigentliche „Landesmutter“ zu sein. An ihn adressieren heute noch Frauen ihre Bitten, er möge ihnen doch zu einem Ferienplatz in einem Heim verhelfen. So, als erinnere man ihn immer wieder an das Versprechen, das er vor seinem Abschied als Bundespräsident gegeben hatte: „Ich wollte euch noch sagen, daß ich der Sache treu bleiben werde, wenn ich aus dem Amt scheide.“

Gleichsam um den geistigen Hintergrund zu skizzieren, vor dem das Müttergenesungswerk arbeitet, formulierte Professor Heuss bewußt überspitzend: „Die größte weltgeschichtliche Begebenheit der letzten sechzig Jahre ist der Wandel in der Stellung der Frau, wenn man die Geschichte nicht als eine Abfolge siegreicher Schlachten sieht.“ Die gewandelte Stellung der Frau. Man weiß es: Die Familienidylle Ludwig Richters stimmen nicht mehr. Nicht nur, daß aus dem kupfernen Wasserkessel über dem Herd mit Holzfeuer der pfeifende Teekessel auf Elektro- oder Gasherd wurde – auch die Frau vor diesem Herd ist „eine andere“. Zum Beispiel diese: Sie stieg in Hannover in den D-Zug nach Darmstadt – eine junge Frau, eigentlich ein junges Mädchen noch, Anfang zwanzig, Angestellte eines Export-Einkaufsbüros aus Frankfurt am Main. In den ersten Messetagen in Hannover konnte sie auf ihrem Konto für 14 000 Mark mehr Aufträge buchen als vor zwei Jahren. Die junge Dame hat Erfolg. Müttergenesungswerk? Darunter kann sie sich nichts vorstellen. Es ist ihr auch ziemlich egal.