Wie spielt sich der Tageslauf der jungen Offiziere des NATO-Verteidigungs-Colleges in Paris ab? Sie nehmen, unter Bewahrung des Höflichkeitszeremoniells des Ancien Regime, an den politischen und militärischen Lehrgängen der Akademie teil. Sie besichtigen und begutachten die technische Maschinerie des Verteidigungspotentials. Sie nehmen, auch nach Dienstschluß um die Kultur des zu verteidigenden Kontinents bemüht, die Kunst Europas in den Museen von Paris, in Augenschein. Sie inspizieren, auch darin militärische Bildungsfreude bekundend, die sonderbare Welt der zeitgenössischen Literatur: Vom strategisch nutzbaren Elektronenhirn schreiten sie in die Avantgardistenbühne, um sich des absurden Theaters zu vergewissern.

Nichts da von honetter Lustbarkeit im Bauch von Paris. Keine Rede von adrett-kavaliersmäßiger Neigung zu Pariser Absurditäten anrüchigeren Stils. Europas NATO-Eleven sind Europas Elite in jedem Betracht. Sie verteidigen die westliche Welt? Die westliche Welt hätte allen Anlaß, diese Blüte schönen Menschentums zu verteidigen. Denn sonst ist diese Welt doch von einem Menschenschlag liederlicheren Zuschnitts bewohnt.

Der Filmbericht über die NATO-Akademie-Eleven aus vierzehn Ländern (Zweites Fernsehen) war sehr sauber gemacht; er enthielt sich sogar aller Pathetik und aller politischen Deklamatorik. Gegen die Autoren Werthern-Beichlingen und Turecek soll also gar nicht polemisiert werden und auch nicht gegen einen mutmaßlichen Mainzer Byzantinismus. Eine Sendung dieser Art hätte ebensogut auch im Ersten Programm laufen können, dergleichen kommt ja seit Jahren schon aus den Studios der Arbeitsgemeinschaft. Es ist der Hofphotographenstil, der in Rede steht und der sich, wie Beispiele lehren, mit handwerklichen Leistungen von beachtlicher Ansehnlichkeit durchaus verträgt.

Denn selbstredend wäre so vor einem halben Jahrhundert auch über die Kadettenanstalt oder über die Kriegsakademie berichtet worden: auch dort, wie gewisse Leistungen des Generalstabs beweisen, eine intellektuelle Creme des Militärs, die zum Truppenoffizier ironische Distanziertheit bewahrte. Auch dort das formbedachte Zurückschrecken vorm vertraulicheren Amüsement. Im Berlin-Führer von 1910 ist beim Hinweis auf die Große Sezessionsausstellung vermerkt: „Offiziere erscheinen in Zivil,“

Der Austausch Hofoper gegen Absurdtheater fällt nicht sehr ins Gewicht, übrigens hat ihn ja die Bankiersfrau auch mitgemacht – 1910 ging sie zu Wagner, heute eilt auch sie zu Ionesco. In Kolonnen rücken die Volksbühnenabonnenten zu Genet und Beckett und vereinnahmen Sachen, die zu ihrer Bedrohung geschrieben sind. lupus