Von A. E. Gavin

Es ist eine erfreuliche Zeiterscheinung, daß im gleichen Maße wie die westlichen Länder in ihrer gesamten Rohstahlproduktion aufhören zu wachsen, die entwickelten und unentwickelten Überseeländer neue Stahlkapazitäten schaffen. Während die Vereinigten Staaten an der oberen Grenze der Absatzmöglichkeiten angelangt zu sein scheinen, mehr Stahl importieren als exportieren, und in ihrer Kapazitätsausnutzung den sogenannten break-even-point bis auf 60 % herunterkorrigieren mußten, ist die Wendung nun auch in Europa eingetreten. Die Wachstumsrate ist eingefroren, und man beginnt sich an eine Produktionsmenge von nur 75 % der Möglichkeiten zu gewöhnen (Montanunion 1962 87 %, Bundesrepublik 85 %, Großbritannien 70 %).

Die Weltstahlbilanz des vergangenen Jahres hat mit 359 Mill. Tonnen Rohstahl die Tendenzen von 1961 bestätigt (362 Mill. t = + 4 % gegenüber 1960), nämlich Stillstand und Rückgang der westlichen Produktion sowie gesteigerte Aktivität gewisser Überseeländer und des Sowjetblocks. In den letzten Jahren beherrschten drei Gruppen den Weltstahlhandel, die bis 1960 ein Gleichgewicht von je rund 100 Mill. t erreicht hatten, nämlich Nordamerika, Europa und die Sowjetunion mit den Satelliten. Die sogenannten übrigen Länder hatten sich mit etwa 40 Mill. t zu begnügen, 13 % der Gesamtmenge. Heute melden diese Länder zusammen nahezu 65 Mill. t Rohstahlkapazität (Japan 30, China 20, Indien 4, Australien 4, Südafrika 3 und Lateinamerika 4 Mill.), also etwa 18 % der Gesamtkapazität. Immerhin ist das die Stahlmenge, die von der europäischen Montanunion bei der Gründung 1952 hergestellt wurde.

Die Verschiebung des Kräfteverhältnisses im Weltstahlbild veranschaulicht die folgende Übersicht über die Rohstahlproduktion der Nachkriegsjahre, in runden Millionen Jahrestonnen:

Die Zahlen zeigen offenbar den Stillstand von Nordamerika, starke Zunahme in Europa inklusive der europäischen Ostblockländer und eine nahezu verdoppelte russische Produktion. Die Daten für die übrigen Überseeländer sprechen poch deutlicher, wobei in Asien Japan, China und Indien den rapiden Aufstieg begründen, Afrika nur dank Südafrika vorwärts gekommen ist, Australien eine gesunde Verdoppelung aufweist und die Länder Lateinamerikas lediglich zufolge der Anstrengungen von Brasilien und Mexiko einen Platz in der Statistik behaupten können.

Es ist über keine Stahlindustrie der Welt so wenig geschrieben worden wie über diejenige Australiens, vielleicht weil sich diese Grundindustrie nirgends unter günstigeren Verhältnissen entwickeln könnte. Die Kohlen- und Eisenerzvorkommen befinden sich nahe der Küste und der Hauptverteilungszentren der großen Städte, wo die Hälfte der Bevölkerung lebt und die Schlüsselindustrien konzentriert sind. Der Standort der Stahlwerke war damit naturgebunden, und Australien kann einen den westlichen Produkten ebenbürtigen Stahl herstellen, der noch dazu der billigste der Welt ist.