Die Borsig AG, Berlin, die im letzten Sommer ihr 125jähriges Bestehen feierte, galt nach der Wiederinbetriebnahme 1950 lange als besonderes Sorgenkind unter den namhaften Industriebetrieben der alten deutschen Hauptstadt. Das einzige Montanunternehmen auf Westberliner Boden – von der gesamten Produktion entfallen etwa ein Drittel auf das Stahlwerk, zwei Drittel auf den Maschinen- und Kesselbau und die übrigen Fertigungszweige – erschien dem damaligen Großaktionär, dem Röchling-Konzern, als so wenig erfolgversprechendes Objekt, daß er seine Anteile nur unter großen Mühen veräußern konnte. Als schließlich vor einigen Jahren die jetzige Salzgitter AG Alleinaktionärin wurde, hatten selbst wohlmeinende Beobachter den Eindruck, die Übernahme in den Bundeskonzern sei die letzte Rettung für ein zu ständigen roten Zahlen verurteiltes Unternehmen.

Hatte schon das Geschäftsjahr 1960/61 (30. 9.) mit einer Umsatzsteigerung um über 21 % auf 158,8 Mill. DM aufhorchen lassen, obwohl damals durch die volle Ausnutzung der hohen Berliner Sonderabschreibungen noch ein Buchverlust von fast 1,5 Mill DM ausgewiesen war, so hat es das Jahr 1961/62 trotz des leicht auf 157,2 Mill. DM verringerten Umsatzes ermöglicht, an die Muttergesellschaft auf Grund der Organschaft einen Gewinn von 3,2 Mill. DM abzuführen. Bei 35 Mill DM Grundkapital entspricht dies zwar nur einer Rendite von etwa 9 %, die überdies bei Investitionen von 6,2 (i. V. 8,0) Mill. DM und Sachabschreibungen von 7,8 (11,3) Mill. DM mit dem vorläufigen Verzicht auf weitere 3,3 Mill. DM Berliner Sonderabschreibungen erkauft wurde, die allerdings im laufenden Jahr nachgeholt werden sollen. Zu berücksichtigen bleibt auch die Großzügigkeit der Salzgitter AG, die ihrer bedeutendsten Berliner Tochter in den letzten vier Jahren 13 Mill. DM Sonderabschreibungen zur Reinvestition belassen hat. Unter den besonders schwierigen Standortbedingungen der Borsig AG aber, die ohne ausreichende Rohstoffbasis – monatlich werden aus Salzgitter mehrere tausend Tonnen Stahl hinzugekauft – mehr oder minder ferne Märkte beliefert, ist das Beispiel des Gewinnausweises mehr als ein Zahlenspiel der Bilanzbuchhaltung, nämlich der Nachweis der Rentabilität selbst in der Phase des Wiederaufbaus und des weiteren Ausbaus.

Das im Zusammenhang mit dem Röhrenembargo entstandene Gerücht, Borsig baue im Rahmen des im Januar 1962 mit der Sowjetunion geschlossenen Drei-Jahres-Vertrages über Lieferungen im Wert von rund 20 Mill. DM die für den Gas- oder Öltransport mindestens gleich wichtigen Kompressoren, hat die Verwaltung ruhigen Gewissens dementieren können. Es handelt sich, wie schon bei der Hereinnahme des Auftrags betont wurde, ausschließlich um Aggregate zur Herstellung von Kunstdünger, die technisch unter keinen Umständen für Pipelines verwendbar sind. Besorgt dagegen sind die Borsig-Kaufleute und -Juristen über die in der Embargo-Diskussion gelegentlich geäußerte Behauptung, die Bundesregierung könnte auch in laufende Verträge eingreifen. Tatsächlich ist nach dem Außenwirtschaftsgesetz solche Sorge zwar unbegründet, weil, nur vom Bundestag beschlossene Vereinbarungen, also Gesetze, durch Kabinettsbeschluß suspendiert werden können. Aber die ausländischen Kunden, die immerhin 16,9 (21,6) % des Jahresumsatzes bestritten, sind nach den Erfahrungen von Borsig mißtrauisch geworden. Andere Ostblockkunden, außer den Sowjets, werden von Borsig im übrigen weder direkt noch indirekt beliefert.

Eine noch ernstere Sorge stellt für Borsig die gegenwärtige Konjunkturentwicklung dar. Zwar war am Bilanzstichtag 1962 der Auftragsbestand noch um rund 18 (11) % höher als ein Jahr zuvor. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres aber war der Auftragseingang um 38 % geringer. Der zunehmende Kostendruck – allein der Personalaufwand stieg im Berichtsjahr um 12,6 % – und verschärfte internationale Wettbewerb, nicht zuletzt in der Finanzierung von Auslandsaufträgen, veranlassen die Verwaltung zu einer vorsichtigen, wenn nicht gar pessimistischen Beurteilung der künftigen Ertragslage. Dieses Urteil dürfte um so schwerer wiegen, als zwei der jetzt vier Vorstandsmitglieder maßgeblich daran beteiligt waren, das Unternehmen von 5 Mill. DM Jahresumsatz 1950 trotz der in Berlin besonders zahlreichen Schwierigkeiten zu seiner jetzigen Höhe zu führen. Männer dieser Art zählen nicht zu den geborenen Pessimisten. G. G.

Eine Vorausschau auf das Ergebnis des laufenden Geschäftsjahres sei schwierig; es werde von der Entwicklung des Stahlmarktes bis zum Schluß des Geschäftsjahres abhängen, ob ein dem vorjährigen Ergebnis ähnlicher Abschluß vorgelegt werden kann, heißt es in einem Aktionärbrief der Klöckner-Werke AG über die ersten 9 Monate des laufenden Geschäftsjahres (Juli 1962 bis März 1963).

Die Scheidemandel-Motard-Werke AG (Berlin) beabsichtigt, das Grundkapital um 1,9 Mill. DM auf 9,5 Mill. DM zu erhöhen. Für das Geschäftsjahr 1962 wird wieder 15 Prozent Dividende auf 7,6 Mill. DM Aktienkapital vorgeschlagen. Die Hauptversammlung findet am 29. Mai in Hamburg statt.