US-Kampagne gegen das Rauchen

Wir sind davon überzeugt, daß die Probleme, die mit dem Lungenkrebs zusammenhängen, in Forschungslaboratorien gelöst werden und nicht durch die Veröffentlichung von Pamphleten gegen das Rauchen“, erklärte verärgert ein Vertreter der amerikanischen Tabak-Industrie. Anlaß dazu gab ihm eine in diesen Tagen veröffentlichte Broschüre der American Cancer Society.

In diesem Büchlein setzt sich die größte Krebsforschungs-Gesellschaft der Welt Punkt für Punkt mit den Argumenten auseinander, die immer wieder gegen die These erhoben werden, zwischen dem steigenden Zigarettenkonsum und der Zunahme der Lungenkrebserkrankungen bestünde ein direkter Zusammenhang.

Der Disput über diese Behauptung war vor gut einem Jahr neu entflammt, als das Königlich Britische Ärztekollegium, gestützt auf die Ergebnisse von über 200 wissenschaftlichen Untersuchungen aus verschiedenen Ländern, in seinem aufsehenerregenden Bericht den Nachweis führte, daß das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, für starke Zigarettenraucher wesentlich höher sei als für Nichtraucher. Damals sank der Zigarettenkonsum in Großbritannien spontan um 12, ja in einigen Gegenden sogar um 20 Prozent, die Tabakaktien fielen, Raucherentziehungs-Kliniken wuchsen aus dem Boden, und das kommerzielle Fernsehen beschloß – zum Schutze der Jugend –, Zigarettenreklamen nur noch in den späten Abendstunden zu senden.

Verglichen mit dieser Reaktion der britischen Öffentlichkeit im Frühjahr 1962 ist das Echo, das die amerikanische Broschüre bislang gefunden hat, nicht sehr imponierend. Dafür versprechen sich die Verfasser der Schrift Rauchen und Krebs“ eine langanhaltende Tiefenwirkung, zumal das Büchlein kostenlos bezogen werden kann, wovon insbesondere die Schulen gern Gebrauch machen. Der Frage-Antwort-Stil der Broschüre kommt den quizgewohnten Amerikanern entgegen.

Niemand zweifelt daran, daß man mit Insulin Diabetes erfolgreich behandeln kann, obwohl die wahre Ursache dieser Krankheit noch unbekannt ist. Niemand wußte, wie schwarze Pocken entstehen, als man bereits gegen sie impfte; Moskitonetze waren lange schon in Gebrauch, ehe die Erreger der Malaria und des Gelbfiebers entdeckt wurden, und Matrosen nahmen Zitrusfrüchte zur Skorbutverhütung auf ihre Weltreisen mit, zu einer Zeit, da die Vitamine noch gänzlich unbekannt waren. Mit solchen Beispielen wird in der Broschüre das Argument gestützt, man brauche nicht unbedingt den wahren Grund einer Krankheit zu kennen, um sie wirksam bekämpfen zu können. Folglich sei es auch entgegen der oft von der Tabakindustrie vertretenen Ansicht nicht erforderlich, genau zu wissen, welche Rolle dem Zigarettenkonsum bei der Lungenkrebsentstehung zukommt, bevor man die Einschränkung des Rauchens fordern darf. Es genüge vollends der hinreichend belegte Tatbestand, daß die Lebenserwartung eines Rauchers signifikant reduziert ist.

Dies sei aber nur statistisch belegt, und mit Statistik könne man schließlich alles beweisen, so lautet ein beliebter Einwand, gegen den die Verfasser von „Smoking and Cancer“ mit großer Vehemenz zu Felde ziehen. In der Tat würde dieses Argument, wäre es zutreffend, fast jede wissenschaftliche Erkenntnis in Frage stellen.