Die allgemeine Staatslehre nimmt eine durchgehende Entwicklung an und stellt sich Denker vor, die so vorsichtig in deren Strom mitschwimmen, daß sie den Kopf über dem Wasser behalten und uns zurufen, wie weit wir es gebracht haben. Was wir erfahren, sind freilich nicht die Gedanken dieser Denker, sondern die Darstellung, die sie davon geben. Irrtümer eingeschlossen. Darüber zu räsonnieren, was die für wichtig gehaltenen Denker gedacht haben könnten, ob sie ihre Gedankenketten säuberlich flochten und ob sie für ihre Zeit "richtig" schrieben, ist das Vergnügen der Ideengeschichte.

Dieser Kategorie gehören zwei wichtige Neuerscheinungen an: Klemens von Klemperer: "Konservative Bewegungen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus"; R. Oldenburg, München; 276 S., DM 19,80, und Kurt Sontheimer: "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933"; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 414 S., DM 45,–.

Klemperer, 1916 in Berlin geboren, ist Professor in den USA, Sontheimer, zehn Jahre jünger, an der Freien Universität. Sontheimer konnte Klemperers Studie für seine Arbeit schon benutzen, da sie im Original bereits 1957 in Princeton erschien. Er zieht sie aber nur für einen bestimmten Abschnitt heran, nämlich für die kurze Zeit zwischen der Niederlage der alten Ordnung und der Annahme des Versailler Vertrages, einer Übergangssituation, in der auch Konservative von der Republik sich etwas erhofften und mit Reformvorschlägen hervortraten.

Das Hauptverdienst des Werkes von Klemperer liegt in der Sauberkeit seiner Linienführung. Er zeigt, wie die konservative Annahme, Freiheit könne es nur in der Gefangenschaft eines sozialen Kontextes geben, mit sich selber in Schwierigkeiten geriet, als der Kontext der alten Ordnung unglaubwürdig wurde. Das geschah lange vor der politischen Geburt der Jungkonservativen im 19. Jahrhundert und führte die deutschen Konservativen in eine Sackgasse. Sie hatten sich mehr an die Institutionen als an die Gesellschaft gehalten. Sie waren mehr an der Heiligen Allianz, formuliert Klemperer treffend, als an Edmund Burke orientiert. Sie waren, würde man heute sagen, insgesamt schlechte Entwicklungspolitiker, so trefflich sie im einzelnen gewesen sein mögen. Ihr Doktrinarismus brachte sie um den Kontakt mit der sozialen Bewegung. Ohne solchen Halt mußten sie vor dem Machtstaat kapitulieren. Aus dieser Niederlage fand Friedrich Naumann einen Ausweg, nicht so. der Ideologe Paul de Lagarde, der besser daran getan hätte, die Situation von der heiteren Seite zu nehmen, wie sein Bruder, der "Leutnant von Versewitz", oder sein Neffe Joachim Ringelnatz.

Naumanns christlich-sozialer Weg war gerade deswegen nicht für alle "konservativ Denkenden und Fühlenden" gangbar, weil er konservativ war. Konservativ kann man nicht generell sein, sondern nur in eigenen Beziehungen, nicht in denen anderer Leute. Dessen ungeachtet richtete der Neu-Konservativismus seine Hauptbemühungen darauf, generell konservative Pläne zu schmieden. Das endete allemal damit, im Protest zur zivilisatorischen Gesamtentwicklung einzelne Lebensbereiche mit früheren Übungen auszufüllen. Weiter konnten die Pläne nicht realisiert werden. Ihre Autoren waren dementsprechend: Kurzstreckendenker, die immer zu spät kamen.

Als das Gebäude des deutschen Scheinkonstitutionalismus 1918 unter den Schlägen der Demokratie zusammenbrach, ging auch der Halt am Machtstaat verloren. Für wenige Monate hatten die Konservativen die Aussicht, mit umgestaltenden Maßnahmen den Anschluß an das reale Leben wieder zu gewinnen. Aber dann kam Versailles. In Zukunft hielten sie sich an den Machtgedanken – eine Kapitulation wie die vor dem Bismarckschen Erfolg, der folgerichtig die weitere Ideologisierung des Konservativismus folgte.

Das Weitere war "Politisierung des Irrationalismus" und hätte in seiner denkerischen Bemühtheit etwas Rührendes gehabt, wenn nicht das Ressentiment impotenten Machtwillens überall durchgeschlagen wäre. Sontheimers weitgespannte Untersuchung bestätigt die These, die Ludwig Dehio für das wilhelminische Reich aufgestellt hat, für den Nationalismus der Weimarer Zeit: Im Grunde hatte er kaum mehr als den Großmachtgedanken zum Inhalt. Das Sektiererische seiner Denker, die geistige Inzucht der tragenden. Gruppen, ihre Hilflosigkeit dem politischen Phänomen der großen Zahl. gegenüber – das alles schrie geradezu nach diktatorischer Führung. Und die bekamen sie dann auch.