Colloquium auf Marmorbänken – Der Weg ins Freie führt an der Waage vorbei

Von Wolfgang Paul

Vor der Tür steht der Wagen; die Gäste sind eingeladen, man fährt in die nächtlichen Thermen. Die Einladung mag merkwürdig klingen. Weshalb also lange noch zögern? Bis eine Stunde vor Mitternacht raucht der gewaltige Schornstein am Grunewald, nahe dem olympischen Stadion, unter der Lichterfassade von Le Corbusiers Hochhaus in Berlin.

Ins Gymnasion zieht es uns, paarweise; die Badebegeisterung in den Thermen wird sich einstellen. Immer ist Gesellschaft zu finden, man kann sie sich mitbringen, man darf sie auch meiden. Eine römische Nacht der Antike ist hier zu erfahren, kein Laster, wie es sich in den immer weiter zurückliegenden, entschwindenden Nachtlokalen der westlichen City enthüllt oder immer wieder verbirgt.

Ein Architekt hatte eine Idee. Er kannte finnische Saunas, russische Banjas, und er studierte römische Schwitzbäder der Alten. Alles wollte er zugleich unter einem Dach haben, und den wohlgeschützten Garten dazu. So entstanden diese Thermen, ein neuartiges modernes Bad zur Erhaltung der Gesundheit, wie der Prospekt verheißt.

Römerhemd und Sandalen

Das Eintrittsgeld entspricht einem teuren Kinoplatz. Die Besuchszeit ist unbegrenzt, abends und am Wochenende baden Ehepaare, auch sind Besitzer oder Besitzerinnen von Sammelkarten zugelassen. Man trifft sich, um zu baden, auf warmen Marmorbänken zu lagern, zu schwätzen, zu konferieren, Gesundheit zu erhalten und die Nerven zu erneuern.