Von Gottfried Sello

Der Kunstverein in Hamburg hat am Wochenende sein neues Haus bezogen. Paul Seitz, bisher Hamburgs Erster Baudirektor, seit April Professor an der Technischen Universität Berlin, hat es gebaut. Ein langes, eingeschossiges Gebäude neben der Kunsthalle, aus gelbem Klinker, angenehm schlicht im Innern, ohne Extravaganzen, mit gutem Licht und in den richtigen Proportionen, nicht auf Mammutausstellungen, diese Krux des modernen Kunstbetriebes, zugeschnitten, mit zwei größeren Räumen und mehreren Kabinetten, die einen „Rundgang“ ermöglichen. Daß derselbe Mann auch das fehlkonstruierte „Kunsthaus Hamburg“ für die Hamburger Künstler gebaut hat, nimmt man verwundert zur Kenntnis.

Das Thema der ersten Ausstellung unter der Regie von Dr. Hans Platte geht mit seinem künstlerischen Anspruch weit über das hinaus, was deutsche Kunstvereine, die das zeitgenössische Kunstschaffen fördern wollen, anzubieten haben. „Cézanne, Gauguin, van Gogh, Seurat – Wegbereiter der modernen Malerei.“ Der Titel unterstreicht die Aktualität der vier Maler. Ihr Werk soll als das Fundament für alles Kommende verstanden werden. Sie, die Großen Vier, haben in den entscheidenden achtziger Jahren die Weichen gestellt, die in die Zukunft führten. Sie sind, jeder für sich, jeder auf seine Weise, gegen den herrschenden Impressionismus angegangen. Ihr sogenannter „Nachimpressionismus“ ist in Wahrheit „Anti-Impressionismus“, und wenn sie im gängigen Vokabular noch immer unter dem Stichwort Impressionismus geführt werden, dann ist es an der Zeit, das endgültig zu revidieren.

So ungefähr lautet die These, die mit den ausgestellten Werken bewiesen werden soll. Der Betrachter möge sich die Linien weiterdenken, die vom „Nachimpressionismus“ in die Gegenwart führen, von van Gogh zum Expressionismus, von Cézanne zum Kubismus, von Seurat und Gauguin zur absoluten Malerei. Er kann aber die Bilder auch anders sehen, ohne historischen und wissenschaftlichen Apparat, ohne diese ganze mühselige und schwerfällige Konstruktion von Wegbereiter und Vorläufer, hinter der sich die abergläubische Vorstellung versteckt, daß die Kunst sich logisch, nach rationalen Gesetzen weiterentwickelt, als ob nicht gerade das Genie solche Fortschrittsgläubigkeit, Kausalität und Voraussicht widerlegt.

125 Werke sind ausgestellt, rund die Hälfte sind Gemälde, dazu Aquarelle und Zeichnungen von Cézanne, Zeichnungen und Druckgraphik von Gauguin, Zeichnungen von Seurat und van Gogh. Als fünfter ist Camille Pissarro mit einigen Bildern dabei, der sehr sanfte und freundliche Maler, der Verbindungsmann zwischen den andern, der sie angeregt und zu ihrem Weg ermuntert hat, auf dem er sie nur ein kurzes Stück begleitete. Er und Cézanne haben zusammen gearbeitet, 1873 malten sie beide das gleiche Motiv: „Die Eremitage von Pontoise.“ Pissarros Bild ist weicher, geschmeidiger, ein farbiges Flimmern. Seine „Heuernte“ dagegen, von 1889, ist. fast mit Seurat zu verwechseln, nur lieblicher, ohne dessen leidenschaftliche Strenge.

Die Werke kommen aus den verschiedensten europäischen und amerikanischen Museen und Privatsammlungen – nur die für dieses Gebiet wichtigsten Museen, Jeu de Paume in Paris und die Galerien in London, wurden nicht herangezogen. Dafür sieht man neben bekannten Hauptwerken wie der „Ziehbrücke von Arles“ von van Gogh viele Werke, die überhaupt noch nicht gezeigt wurden. Eine gute und überlegte Auswahl, die auch die verschiedenen Perioden der Maler berücksichtigt.

Alle fangen sie als Impressionisten an. In den achtziger Jahren bahnt sich „die große Wende“ an, wie Pissarro 1886 schreibt. Die Wende bedeutet: Abkehr vom Impressionismus, von seiner Passivität und Rezeptivität, der Hingabe an das Momentane und Veränderliche, an Stimmung und Atmosphäre. Gemeinsam ist ihnen das Ungestüm, die sichtbare Welt selbstherrlich, nach eigenem Gutdünken, nach eigenem Erleben umzugestalten, „das stufenweise Zurücktreten aus der Erscheinung“, die Entfernung von der alltäglichen, optisch erfahrbaren Realität. So weit und nicht weiter bilden sie eine Gruppe, eine durch Bewunderung und härteste Ablehnung, durch Freundschaft und Kampf bis aufs Messer – bei Gauguin und van Gogh – verbundene Bruderschaft. Man kann ihr Schaffen, ihre Gemeinsamkeit als die ungeheuer männliche Reaktion auf das entschieden weibliche Element des Impressionismus verstehen.