Die Erhöhung der Dividende der Volkswagenwerk AG, Wolfsburg, von 12 auf 14 % für das Geschäftsjahr 1962 stellte auch für die Börsenexperten eine Überraschung dar. Wer hatte es für möglich gehalten, daß die Verwaltung des Wolfsburger Unternehmens, nachdem sie im vergangenen Jahr unter dramatischen Umständen und gegen den Widerstand des Bundeswirtschaftsministers für einen Teil ihrer Wagen eine Preiserhöhung durchgesetzt hatte, ihre Aktionäre besser bedienen würde? Und das in einer Zeit, da Dividendenerhöhungen schon aus der Mode gekommen sind! In Kreisen der Metallindustrie ist die VW-Dividendenaufstockung teilweise mißbilligt worden. Weniger die Tatsache an sich als der Zeitpunkt ihrer Bekanntgabe, die gerade in die harten Arbeitskämpfe in Baden-Württemberg hineinplatzte. Allerdings scheinen die Gewerkschaften darauf verzichtet zu haben, sich der VW-Dividende als Kampfmittel gegen die Unternehmer zu bedienen. Sie taten klug daran, denn nicht wenige Gewerkschaftsmitglieder sind wohlbestallte VW-Aktionäre geworden, die nichts gegen höhere VW-Dividenden einzuwenden haben, weil sie selbst ihre Empfänger sind.

Für die Erstzeichner von VW-Aktien war der Erwerb dieser Papiere bislang ein gutes Geschäft. Wenn man vom Zeichnungspreis 350,–DM je nom. 100.– DM’Aktie ausgeht (also den Sozialbonus unberücksichtigt läßt, der jedem Erstzeichner eingeräumt wurde), dann stellt sich die Rendite der VW-Aktie bei einer 14 prozentigen Dividende auf genau 4 %. Die „Verzinsung“ ist also höher als bei Spareinlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist (3 1/4 %). Daneben kann sich der Erstzeichner noch einen „Kursgewinn“ von etwa 180 DM je Aktie ausrechnen, wenn er jetzt seine Papiere verkaufen würde. Aber diese 180 DM sind nicht mehr als eine Momentaufnahme. Im vergangenen Jahr, als der Kurs zeitweise bis 420 % zurückgefallen war, blieb nur noch ein „Gewinn“ von 70 DM, dagegen waren es im Sommer 1961 vorübergehend sogar 750 DM.

  • Nur wenige Aktien unterlagen in den letzten beiden Jahren so starken Schwankungen wie die VW-Aktie, aber inzwischen bahnt sich eine Marktberuhigung an. Über den „echten“ Wert dieses Papiers herrschen zwar keine einheitlichen Vorstellungen – so etwas gibt es an der Börse nicht –, doch haben sich die diversen Standpunkte einander genähert.

Geradezu erstaunlich ist, daß 75 % der Erstzeichner immer noch im Besitz ihrer VW-Aktien sind, also sich durch die Kursschwankungen der Vergangenheit nicht irritieren ließen. Die Börse hat im Falle VW deshalb praktisch mit drei großen, feststehenden Blöcken zu tun. Da sind zunächst einmal die beiden Großaktionäre Bund und Land Niedersachsen mit je 20 % des Aktienkapitals (dadurch werden nom. 240 Mill. Aktien gebunden), dann kommen die „treuen“ VW-Aktionäre, in deren Händen sich noch rund 270 Mill. Aktien befinden müssen. „Flottant“ sind – wie es im Börsenjargon heißt – nur etwa 90 Mill. DM. Bei einem so international bedeutsamen Werk sind das nicht viel, zumal ein Teil davon bereits fest bei Investment-Fonds, Versicherungen und anderen Kapitalanlagegesellschaften untergebracht ist. Ein Teil der Aktien ist überdies ins Ausland abgeflossen.

Unter den Besitzern der von den VW-Erstzeichnern verkauften Stücke befinden sich naturgemäß viele unzufriedene Aktionäre. Denn diese Leute haben die VW-Aktien ja teilweise zu wahren Phantasiekursen erworben, sicherlich nicht aus Anlagegesichtspunkten, wohl aber aus Gründen der Spekulation, die schließlich im Sog der allgemeinen Aktienbaisse total mißglückt ist. Diese Aktionäre müssen sich damit abfinden, ein gutes Papier zu teuer gekauft zu haben, denn vorläufig besteht kaum Aussicht, daß der VW-Kurs einmal wider die 1 000 Prozent-Grenze überschreiten wird.

Daß es sich bei den VW-Aktien um ein gutes Papier handelt, wird nach dem Abschluß für 1962 kaum jemand bezweifeln. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg gehört zu den wenigen rührenden deutschen Unternehmen, denen es im Geschäftsjahr 1962 gelungen ist, die Gewinne noch zu steigern. Und das soll schon etwas heißen. Allerdings ist es an der Zeit, einige Illusionen zu dämpfen, die vor Veröffentlichung der Abschlußzahlen entstanden sind, gepflegt durch sogenannte Börseninformationsdienste, die auf Grund unvollständiger Orientierung die erhebliche Steigerung der Ausgaben für „Steuern Tom Einkommen,vom Ertrag und vom Vermögen“ um 199 Mill. auf 465 Mill. auf geradezu sagenhafte Gewinnzunahmen des VW-Werkes zurückführen wollten.

In den Erläuterungen zur Gewinn- und Verlustrechnung ist jedoch zu lesen, daß das bessere Betriebsergebnis für 1962 nur „unter anderem“ für die Zunahme der Steuern verantwortlich zu machen ist. Beigetragen haben ferner die zusätzlichen steuerpflichtigen Erträge aus dem aufgelösten Teil der Rückstellung für die Abwicklung des Volkswagen-Sparer-Vergleichs sowie aus den der Gesellschaft zugeflossenen ehemaligen Volkswagen-Sparer-Guthaben, die erstmals nach der Privatisierung der Gesellschaft wieder zu anrichtende Vermögenssteuer und die auf Grund des Ergebnisses der Betriebsprüfung für 1957 bis 1959 noch nachträglich angefallenen Steuerbeträge für diese Jahre. Die Steuernachzahlungen belasteten den Jahresgewinn 1962 jedoch nicht, weil für diesen Zweck in den Vorjahren ausreichende Rückstellungen gebildet worden waren. Weiter: Wenn man die Steuerpositionen 1961 und 1962 miteinander vergleichen will, wird zu berücksichtigen sein, daß die für 1961 gezahlten Steuern ungewöhnlich niedrig waren, wofür ebenfalls Sonderfaktoren, darunter der erhöhte Abschreibungsaufwand für den VW 1500, verantwortlich zu machen sind.