Notwendige Korrekturen eines Politikums, das in den Sog öffentlicher Hysterie geriet

Von Peter Mörser

Ebenso plötzlich und unversehens wie der Typhus am Matterhorn ist ein anderer Bazillus epidemisch geworden. Er verursacht eine peinliche Starre in den moralischen Zeigefingern der unterschiedlichsten natürlichen und juristischen Personen: Presseorgane, die noch nie irgendeinem Kurdirektor, geschweige denn dem von Zermatt, wider den Stachel gelockt haben, ergehen sich in weitschweifigen Beschimpfungen. Exponenten des öffentlichen Lebens, die noch vor kurzem für die „Lex Soraya“ eintraten, wollen nun schon immer gewußt haben, daß die Eidgenossen allesamt ungewaschene Mammonsdiener sind. Reisekünstler, die sonst das Abonnement auf den Tod von Venedig nicht scheuen, stellen plötzlich fest, daß die Reize eines Skiparadieses wie Verbier sich keineswegs auf die Organisation der Müllabfuhr erstrecken – und andere haben Hotelbuchungen in St. Moritz verfallen lassen.

Es scheint daher an der Zeit, das „Politikum“ Zermatt einmal nüchtern zu bedenken: Da wird ein Bergbauerndorf zum Jahrmarkt der Eitelkeiten, und dies im Laufe einiger weniger Jahre. Denn das heroische Zeitalter des Alpinismus, also die Zeit von – sagen wir – 1750 bis 1950, hat das Dorf in seiner Substanz ja kaum betroffen, erforderte keine Massenorganisation und brachte auch keinen Goldrausch. Im Laufe der fünfziger Jahre aber wurde aus Zermatt ein Gradmesser „mittelständischen“ Sozialprestiges, fernab von Alpinismus, Wintersport oder Naturschönheiten – wobei das eher stille, „alteingesessene“ britische Element zunächst vom US-mittelwestlerischen, später vom rheinischen und rhein-mainischen Wesen in die Ecke gedrängt wurde.

Der Natur nachgeholfen

Die Entwicklung des Skilaufs stellte an den Ort Anforderungen, die von der Substanz wenig übrigließen: Zermatt ist von der Natur gar nicht als „Skiparadies“ konzipiert. Die hinreißend schönen, aber samt und sonders exponierten und lawinengefährdeten Talabfahrten mußten „gesichert“, Skigelände für weniger Begabte erschlossen werden. Die „Idiotenhügel“ – das ist Zermatts Besonderheit – liegen daher nicht im Tal, sondern über der Baumgrenze: Das erforderte den Bau ungewöhnlich vieler Seilbahnen, zumal die Anfänger auch wieder mit der Bahn zu Tal gebracht werden müssen. Längst haben diese „Verpflichtungen“ das Arbeitskräfte-Potential der Talschaft erschöpft, längst sind die Dienstleistungsberufe auf dem Aussterbe-Etat – allen voran die Bergführer, wie anderswo auch, müssen durch „Fremdarbeiter“ ersetzt werden.

In einer Saison, die sieben Monate währt, erleben die ehemaligen Bergbauern den Andrang eines Publikums, das hier zwei, drei, vier Ausnahme-Wochen zubringt, in denen es um so regelloser hergeht, je steifer und steriler die heimische Zwangsjacke gesellschaftlicher Repräsentation ist. Exhibitionismus jeder Art und Form ist Trumpf: Nicht aber wird hier, wie früher, sportsmanship und Naturburschentum mit Understatement und einem guten Teil Selbstironie zur Schau gestellt wie zu „englischen“ Zeiten, sondern Geld, nochmals Geld, bierernste Lebensgier und risikolose Kraftmeierei. Wenn die Lady Chatterley dann auf der Suche nach ihrem Oberförster dennoch einen Unfall hat, tut sie es in Unkenntnis der Gefahr und verlangt von der Verwaltung Schadenersatz. Denn es ist die Pflicht der Verwaltung, jedwede Gefahr zu unterbinden, weshalb dann mühsam erschlossene Pisten die halbe Saison lang wieder gesperrt werden müssen.