Moral ist die Tendenz, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Karl Kraus

Über die Notwendigkeit eines wirksamen Jugendschutzes braucht nicht debattiert zu werden. Die Frage ist nur, ob dieser Jugendschutz unter der Hand zu einer schleichenden Zensur ausarten kann. Das sehr gründliche „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften“ hat nicht von ungefähr 55 deutsche Verlage (darunter Desch, Goverts, Rowohlt, Hoffmann und Campe, Insel, Limes, List, Wegner) unter den gemeinsamen Hut einer „Verleger-Schutzgemeinschaft“ gebracht.

Die rege Tätigkeit der um den Jugendschutz Besorgten schlägt sich in einem Gesamtverzeich-, nis „Jugendgefährdende Schriften“ nieder, herausgegeben von dem Vorsitzenden der Bundesprüfstelle, Oberregierungsrat Robert Schilling (Hermann Luchterhand Verlag). Da gibt eine detaillierte Statistik Auskunft darüber (Ergänzungsbeitrag vom 6.3.1963), daß im Jahr 1962 immerhin 2578 Indizierungen von Büchern, Reihenschriften und Periodika erreicht wurden. Erfolgreich indiziert wurde zum Beispiel der Erstlingsroman von Ulrich Schamoni („Dein Sohn läßt grüßen“, Herbig Verlag).

Manchmal jedoch brauchte man es gar nicht ganz so weit kommen zu lassen. Schon die Androhung einer Anzeige seitens des Volkswartbundes zwang den noch auf wackeligen Geldbeinen stehenden Verlag Bärmeier und Nickel in die Knie: Die Nummer 1/1963 der satirischen Zeitschrift Pardon erschien in Köln mit einer schwarz überdruckten Karikatur. Etwas übernommen hatte man sich dagegen mit dem Antrag gegen Günter Graß’ „Katz und Maus“ – wobei ein Erfolg des Antrages die pikante Situation mit sich gebracht hätte, daß Luchterhand seinem eigenen Autor das Verdammungsurteil hätte drucken dürfen.

Wahrlich, man kann der Bundesprüfstelle mangelndes Sendungsbewußtsein nicht vorwerfen. Im Vorwort zu dem von ihm edierten Verzeichnis schreibt Oberregierungsrat Schilling: „.. .Auf Grund der zu erwartenden intensiveren Antragstätigkeit und der in ständigem Steigen befindlichen Zahl der Schriften, die gemäß § 18 GjS in die Liste aufgenommen werden müssen, wird sich auch in Zukunft die Zahl neuer Indizierungen nicht vermindern, sondern eher erhöhen.“ Woher dieser Optimismus kommt, läßt der Autor uns nicht wissen. (Rund die Hälfte, aller Indizierungen betrifft übrigens ausländische Magazine, die nur im Abonnement zu beziehen und daher nicht greifbar sind – wie die Empörten selber in den Besitz der Schriften kamen, sei hier nicht gefragt.)

Recht unmißverständlich läßt Schilling auch durchblicken, daß ihm das GjS in seiner jetzigen Form eigentlich zu lückenhaft ist. In einer dem Gesamtverzeichnis als „Arbeitshilfe“ angefügten „Einführung in die Grundgedanken des GjS“ kommentiert er den sogenannten Kunstvorbehalt, § 4, Strohhalm der Verleger und Zünglein an der Waage in beinahe jedem Prozeß, folgendermaßen: „Über die Auslegung und den Ausdehnungsbereich dieses Vorbehalts ist der Streit der Meinungen noch nicht abgeschlossen. Angemerkt sei hier nur, daß die Kunstfreiheit... nicht als schrankenlose Freiheit aufzufassen ist. Auch einem Künstler steht es nicht zu, die ihm eingeräumte Freiheit in Anspruch zu nehmen, wenn dadurch ein anderes Grundrecht verletzt wird oder die Güter, die für den Bestand der staatlichen Gemeinschaft notwendig sind ... gefährdet werden.“

Es ist sonderbar, wenn der Vorsitzende einer Stelle, der doch, wenn nicht alles täuscht, einmal die Funktion eines unparteiischen Dritten zugedacht war, in so eindeutig einseitiger Form Stellung nimmt zu dem Streit, den er entscheiden soll. Sicher nicht ganz zufällig hat jetzt auch der Volkswartbund (der sich im Untertitel als „Bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit“ apostrophiert und dessen Vorsitzende nicht gewählt, sondern vom Erzbischof von Köln ernannt werden) in seiner Veröffentlichung I, 1963, ebenfalls sein Mißfallen über die bestehenden Zustände geäußert. Da aber für den Volkswartbund der Mensch erst oberhalb der Gürtellinie beginnen sollte (wie anders sollte man die Bezeichnung „Unterleibsliteratur“ für „Lolita“ und „Lady Chatterley“ verstehen?), hält man sich hier auch nicht lange bei der Einleitung auf und geht noch forscher an den Feind heran als Schilling.