Überflüssiger Nachruf auf einen vergessenen Mann

Eine Nachricht aus Cannes meldete, daß Dr. Jean Dorten im Alter von 83 Jahren gestorben sei. Nur wenige französische Zeitungen nahmen Notiz davon; in Deutschland aber scheint der Name ganz vergessen zu sein. Vielleicht, daß der eine oder andere Deutsche, der während des Frankreich-Feldzuges in Gefangenschaft geriet, sich an einen gewissen Dorten erinnert, der im Lager als ein Vertrauensmann der französischen Regierung auftauchte. Im übrigen ist er deshalb so total vergessen, weil das, wofür er einen kurzen Augenblick weltbekannt wurde, auf Nimmerwiederkehr passé ist.

Dr. Johannes Dorten war der von Frankreich gestützte rheinische Separatisten-Führer nach dem Ersten Weltkrieg. Gegen ihn standen nicht nur deutsche Nationalisten auf, sondern auch Männer der politischen Mitte, wie Dr. Adenauer; aber die Hauptkräfte, die sein Unternehmen scheitern ließen, waren der Vatikan und vor allem England. Die Episode war dramatisch und kurz; Dorten ging nach Frankreich, erhielt die französische Staatsangehörigkeit und wurde ein gepflegter Spaziergänger an der Cote d’Azur von leicht operettenhafter Haltung.

Wäre sein Versuch, das Rheinland zu Frankreich zu schlagen, nicht so schnell und so gründlich gescheitert, hätten die Historiker vielleicht Anlaß gefunden, die psychologischen Ursachen seines Handelns zu untersuchen. Er war Jurist und hätte 1914 als Staatsanwalt nach Berlin gehen sollen. Aber er wollte nicht, weil er Antipreuße und gegen die Hohenzollern war. Alles antipreußische Ressentiment, das den Rheinländern eigen war, kulminierte und pervertierte sich in ihm. Er wurde Soldat und brachte es zum Majorsrang, doch kritisierte er so unentwegt und so heftig das Preußentum, daß er zuletzt den Kriegsgerichten nur durch die Tatsache ihrer Auflösung entging. Der Krieg wurde für ihn, wie er zu sagen pflegte, rechtzeitig verloren.

Er war nicht nur ein Verräter, sondern auch ein Romantiker. Stand ihm sein trauriges Schicksal vor Augen, so tröstete er sich mit der so viel besseren Nachrede, die seinem Vorfahren Karl Schurz zuteil geworden war: Dieser rheinische Widerstandskämpfer von 1846 war immerhin Staatssekretär der Vereinigten Staaten geworden, während er selber so sehr vergessen wurde, daß, wenn sein Name fiel, jedermann sagte: „Ja, richtig, Dorten, Dr. Dorten. Was war nur mit ihm?“

Im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft ist im Gedächtnis beider Völker kein Platz mehr für diesen Mann. J. M.-M.