Von Jürgen Werner

Es war 1958. Da tauchte plötzlich ein Name in den Schlagzeilen der Sportpresse auf, der das Gesetz von der Vergänglichkeit allen Sportruhms aufzuheben schien. Damals, 18 Jahre alt, wurde Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé, mit der Mannschaft Brasiliens in Schweden Fußball-Weltmeister. Man feierte Pelé als besten Stürmer des Turniers – durchaus keine ungewöhnliche Ehrung, denn jedes Turnier, jedes Spiel, jeder Wettkampf hat seinen Primus.

Die Bedeutung, die damals schon eine Fußball-Weltmeisterschaft besaß, erhöhte natürlich den Wertakzent dieser Ehrung, zumal in so jungen Jahren. 1962 bei der Weltmeisterschaft in Chile stand schon vor Beginn des Turniers die Rangordnung fest. Ungekrönter König, in den vier zurückliegenden Jahren immer wieder bestätigt, war allein Pelé. Inzwischen war er Millionär geworden, Straßen trugen seinen Namen, ein Denkmal wurde ihm errichtet – alle Attribute dauernden Ruhms. Seine Verletzung während dieser Weltmeisterschaft schmälerte den Ruhm nicht, im Gegenteil. Alle Versuche, den besten Spieler des Turniers 1962 zu bestimmen, endeten bei einem Vergleich mit Pelé. Man war sich einig, niemand, auch Garrinchi nicht, hatte ihn erreicht.

Die Spiele mit seiner Vereinself nach Chile, die er in Europa um die Vereinsweltmeisterschaft führte, wurden zu einem persönliche! Triumph Pelés. Er entschied die Spiele durch seine Tore – die aber oft nur die Krönung seiner Leistungen im Dienste der Mannschaft waren. Das „non plus ultra“, Fußball zu spielen, war erreicht, und sein Interpret gefunden. Der Name Pelé bedeutete Fußball in Vollendung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es ebenfalls Spieler gegeben, die mit Lobeshymnen überschüttet worden waren, aber immer mit dem Hinweis auf diese oder jene Schwäche. Bei Pelé gab es sie nicht mehr, er war der vollkommene Fußballspieler mit allen jenen Eigenschaften, die diesen auszeichnen: Er spielte schnell und langsam, wie es die Situation erforderte, er sprang höher bei Kopfbällen als die Gegner, war ihnen überlegen im Lauf, im Kampf um den Ball; er schoß genau und scharf, war ausdauernder als jede: Konkurrent, geschmeidiger und wendiger in jedem Augenblick.

Als sein direkter Gegenspieler hatte ich diese Erfahrungen bei einem Vereinsspiel gegen Santos selbst gemacht. Die Chance, Pete in der Arena als Gegner zu erleben, hatte mich vor dem Spiel ungemein gereizt, denn gerade den Nimbus der Unbesiegbarkeit wollte ich Pelé rauben, denn der Mensch zweifelt, solange er lebt, ob es das Unbezwingbare wirklich gibt.

Sein Nimbus blieb in jenem Spiel unangetastet, er schoß, trotzdem ich ihn hartnäckig bewachte zwei Tore und demonstrierte alles das, was in von ihm gehört und eben skizziert habe. Im Länderspiel am vergangenen Sonntag stellte er nun erneut unter Beweis, welch unerreichte! Könner er ist. Da ich nicht direkt gegen ihn spielte, seine Aktionen aber mit überwachte, konnte ich verstehen, warum sich auch Ästheten an Pelés Aktionen berauschen. Mühelos mit beinahe tänzerischen Bewegungen beherrschte er den Ball und auch den Gegenspieler. Doch zeigte sich hier erstmals eine Schwäche, die jedoch mehr psychologischer Natur ist: Verlor er den Ball doch einmal, hörte das Spiel für ihn auf, unwillig darüber, daß jemand gewagt hatte, an seinem Thron zu rütteln. Das geschah in diesem Spiel recht häufig, da sein Gegner ohne Respekt und unter vollem körperlichem Einsatz ihn bekämpfte. Resignation schien sich bei Pelé auszubreiten, beinahe gleichgültig stand er auf dem Spielfeld, und doch trog dieser Eindruck: Eine Viertelstunde vor Schluß genügte ihm ein Meter, um seine Aktion abzuschließen. Wie schon so oft, er erzielte das Siegtor. Es war jedoch kein Zufall, wie viele meinten, kein sogenannter „Sonntagsschuß“, sondern einfach das Ergebnis des Erkennens und Ausnutzens der Situation und der perfekten Beherrschung aller Mittel.

Pelé erkannte blitzschnell die Lücke und schoß dann den Ball in einer Art, die ans Artistische grenzte. Das Voraussehen einer Situation und der sich daraus ergebenden Möglichkeiten muß bei ihm instinktiv geschehen, denn in Bruchteilen von Sekunden stellt er seine Gegenspieler vor immer neue Probleme, ohne daß diese vorher auszurechnen wären.