Von H. M. Nieter O’Leary

Ibiza ist nicht ganz so groß wie die Schwesterinsel Mallorca, aber mindestens ebenso reizvoll. Noch hält sich der Tourismus hier in Grenzen; der sonnenhungrige Urlauber findet unzählige stille Badebuchten. Hotels in der Hafenstadt Ibiza, in San Antonio stehen das ganze Jahr offen; an vielen Orten, mitunter direkt am Meer, können Bungalows gemietet werden. Der Autoreisende stellt praktischerweise seinen Wagen auf dem Festland, in Barcelona und Valencia, in einer Garage unter, um von dort per Schiff oder mit dem Flugzeug auf die „Insel der Ruhe“ zu reisen.

Wenn Sie keine Touristen treffen wollen, dann fahren Sie nicht nach Mallorca. Dann müssen Sie nach Ibiza.“ So meinte Don Miguel von der Touristenagentur. Er flüsterte verschwörerisch, damit die Kundschaft, die beiden hageren Amerikanerinnen und der dicke Holländer, die in Werbeschriften wühlten, es nicht hörten. Ebenso verstohlen wies er auf die Landkarte mit der Insel Ibiza, die noch der Balearengruppe angehört und der spanischen Küste am nächsten liegt. Dann raunte er noch: „Ibiza ist ein antiker Traum, und die wenigen Ausländer assimilieren sich schnell und leben nicht getrennt von den Einheimischen, wie Essig und Öl geschichtet, sondern fein gemischt, wie es sich für eine gute salsa gehört...“

Bereits die Nachtfahrt auf dem kleinen Dampfer von Alicante ist wie ein Gleiten in einen zeitlosen Traum. Ibiza hat keine heroischen Landschaften – die Hügel sind sanft und schwellend. Aber in der kristallklaren Luft wirken die Konturen fast durchsichtig spröde und zeitlos. Darüber strahlt die Sonne mit solcher Stärke, daß sie mit ihrem Glanz alles über die Wirklichkeit hinaushebt. Man verliebt sich sofort in die klare Luft von Ibiza und badet sich darin, und der leichte Seewind bläst eine heitere Melodie dazu.

„Natürlich müssen Sie hier bei Bauern wohnen und nicht im Hotel“, sagte der deutsche Geologe, der eine Weile aufhörte, mit seinem Hämmerchen auf Steine zu schlagen und sich meiner annahm. „Außerdem können Sie gleich mitkommen zu einer Matanses.“ Als ich ihn fragend ansah, erklärte er mir, es handele sich um das jährliche traditionelle Schweineschlachten mit Musik, Tanz und Ritualien, die auf graue, karthagenische Zeiten zurückgingen. Die Matanses ist das wichtigste Jahresereignis für jede Bauernfamilie auf Ibiza, der Insel, auf der Circe ihre Liebhaber in Schweine verwandelte. Heute bei der Matanses sollten jedoch die Schweine in Würste und Speckseiten verwandelt werden. Aber die Matanses sind gleichzeitig auch das Forum, um Nachbarn im weiten Umkreise zusammenzubringen, Klatsch und Neuigkeiten auszutauschen, Heiraten zu arrangieren und bisweilen auch mal eine kleine Blutfehde.

Als wir auf dem langgestreckten Bauernhofe eintrafen, wurde mir klar, weshalb die ganze Umgebung so verödet erschien. Denn mit Kind und Kegel hatten sich die Nachbarn hier versammelt. In der von einigen Öllampen mühsam erhellten Säulenhalle waren an die fünfzig Männer beschäftigt, an großen Bottichen Wurstfleisch zu hacken, mischen und abzuschmecken. Traditionell ist das Männerarbeit auf Ibiza, wie auch die Männer den Brotteig kneten und backen. Seit homerischen Zeiten herrscht ein sanftes Matriarchat auf der Insel der Circe, und die fast immer leicht ironisch lächelnden Frauen in ihren voluminösen Röcken und schwarz-gelben Blusen üben auch heute noch Befehlsgewalt aus.

Im Moment allerdings waren die Frauen auch beschäftigt. Sie stellten Riesenschüsseln von Würsten, Ragouts und Saffranreis auf die langen Tische, während die Mädchen Wein in die Porrones füllten. Die von flackernden Lichtklexen erhellte Halle, die wie in einer Hexenküche arbeitenden Männer, die Frauen, die inzwischen auch noch ganze Schweineköpfe auf Holzplatten herbeischleppten, und die wartenden, gieprigen Hunde erweckten ein Gefühl von Unwirklichkeit, daß ich nicht mehr wußte, in welchem Lande und welchem Jahrhundert ich war. Es konnte ein Moment aus einer isländischen Saga sein oder ein in Bewegung geratenes Bild von Pieter Breughel.