Ossietzky und Rollmann

Dietrich Rollman war noch zu jung, als daß er die Kluft der HJ-Pimpfe hätte tragen können, damals, als Carl von Ossietzky in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten zu Tode gefoltert wurde. Heute, im Mai 1963, ist Ossietzky 25 Jahre tot. Ein Idealist, der in seinem politischen Kampf zugrunde ging. Rollmann sitzt als 31jähriger zum zweitenmal im Bundestag. Er gehört zu der Generation, die keine „Vergangenheit“ mehr belastet. Er macht Karriere.

Aber eins haben beide Männer gemeinsam: die Vaterstadt Hamburg.

Eben dies brachte es mit sich, daß MdB Rollmann vom Bürgermeister der Hansestadt aufgefordert wurde, als Vorsitzender einer Gesellschaft für die staatsbürgerliche Bildung an der Organisation einer Ossietzky-Gedenkfeier mitzuwirken. In einem offenen Brief wies der CDU-Politiker das Ansinnen entrüstet zurück: „In der heutigen Zeit des Bedrohtseins können wir alle es uns nicht leisten, Pazifisten durch Gedenkstunden als Vorbilder für das heutige Deutschland hinzustellen. Es kommt vielmehr darauf an, in unserem Volke den Willen zur Verteidigung der Freiheit auch mit der Waffe zu stärken.“

Dietrich Rollman müßte eigentlich noch erläutern, was für ihn das „heutige Deutschland“ und „Freiheit“ ist. Denn es stünde schlecht um die Freiheit in der Bundesrepublik, wenn wir es uns „nicht leisten“ könnten, uns vor der beispielhaften Tapferkeit, Lauterkeit, Freiheits- und Friedensliebe, dem Heldentum Carl von Ossietzkys zu verneigen – weil Gesinnungspazifismus heute kein realistisches Mittel zur Lösung der politischen Probleme scheint.

Dietrich Rollman sei unterstellt, daß es ihm ernst ist mit der Sorge um die Freiheit – ebenso ernst wie einst Carl von Ossietzky. Nur, Ossietzky verteidigte die Freiheit und zahlte mit dem Tode dafür. Während auf Rollmann der Verdacht fällt, daß seine Attacke gegen den einzigen deutschen Träger des Friedensnobelpreises im Namen der Freiheit nur eine seiner vielen Publicity-Haschereien ist, die auch in CDU-Kreisen immer wieder Unbehagen auslösen.

K. H.