Von Werner Sonntag

Einen Vater, der sich am Autofahren freut und zudem das Wohlbefinden seiner Familie im Auge, sagen wir, im Rückspiegel hat, muß es stutzig machen, wenn sein Sprößling klagt: „Immer bloß Autofahren! Wann fahren wir denn endlich mal wieder mit der Eisenbahn!“ Er denkt nach und kommt auf manches, was ihm der Fahrlehrer nicht gesagt hat.

Kinder im Auto, das ist schließlich ein psychologisches Thema, das offenbar den Fahrlehrer und die Verkehrspolizei nichts angeht. Schlagen wir also in den Ratgebern für Erziehungsfragen nach. Da steht: Man soll Kindern keine vielstündigen Autofahrten zumuten, denn sie interessierten sich für die vorbeiziehende Landschaft bei weitem nicht so intensiv, wie das die Eltern voraussetzen. Viel mehr wird einem da für die Praxis auch nicht gesagt; denn Autofahren ist schließlich eine technische Angelegenheit. Für den Vater am Lenkrad ist aber beides gleich wichtig, denn er macht die Erfahrung, daß von ihm zweierlei gefordert wird: Er muß sein Auto und damit andere Verkehrsteilnehmer vor den Kindern schützen – das gebietet die Verkehrssicherheit –, und er muß seine Kinder vor dem Auto schützen – das gebietet die pädagogische Einsicht. Aber es gibt keine Rezepte. Betriebsanleitungen gelten nur für Motoren.

Die Forderung nach Verkehrssicherheit ist noch am ehesten mit allgemein gültigen Ratschlägen zu erfüllen. Zwei Fälle aus Stuttgart, die in jüngster Zeit passierten: „Mama, do guck nom!“ rief ein Zehnjähriger seiner Mutter am Lenkrad zu. Die Mutter folgte mit ihrem Blick dem Zeigefinger des Jungen... prompt krachte es: Sie war auf die linke Fahrbahn geraten und mit einem Wagen zusammengestoßen. Fünf zum Teil erheblich Verletzte meldete die Polizei.

Oder: Eine andere Mutter ließ ihren achtjährigen Jungen allein im parkenden Wagen. Der Junge sah auf der anderen Straßenseite seine Spielgefährtin, öffnete die linke Autotür: Ein vorbeifahrender Mopedfahrer wurde zum Invaliden. Das Oberlandesgericht in Hamm, das als Revisionsinstanz diesen Fall vor kurzem zu behandeln hatte, sprach im Gegensatz zur ersten Instanz der Mutter die Schuld zu. Sie hätte ihren Jungen nicht nur ermahnen dürfen, ruhig sitzen zu bleiben, sondern ihn ausdrücklich belehren müssen, daß es gefährlich sei, eine Autotür zu öffnen. Das Gericht wies darauf hin, daß Kindern auch die Funktionen von Zündschlüssel und Handbremse erklärt werden müssen.

Auf einem Campingplatz war einmal zu beobachten, wie ein etwa Zwölfjähriger den großen Wagen seines Vaters vorschriftsmäßig rangierte. Ein Psychologe meinte, man könne es so machen, wenn man die technische Wißbegier eines aufgeweckten Jungen in kontrollierte Bahnen lenken will, und wenn man sicher ist, daß der Junge seine Fähigkeiten nicht überschätzt und einsieht, warum er mit dem Autofahren auf öffentlichen Straßen bis zum neunzehnten Lebensjahr warten muß. Was ein Vater seinem Jungen erlauben darf und was nicht, das kommt auf beide an. Hier beginnt ein weites Feld psychologischer und pädagogischer Erwägungen.

Feste Grenzen setzen die physikalischen Kräfte, die zumal dann wirksam werden, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ein Mitarbeiter der Jugendliga für Verkehrssicherheit sagte: „Kinder gehören auf gar keinen Fall auf die vorderen Sitzplätze. Viele Unfälle sind darauf zurückzuführen, daß die Eltern den Wünschen ihrer Kinder gegenüber nicht hart bleiben. Sogar bei verhältnismäßig geringfügigem plötzlichem Stoppen finden Kinder mit den Füßen kein Gegenlager und werden mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe oder das Armaturenbrett geschleudert. Verletzungen der Halswirbel mit oft tödlichem Ausgang sind die Folge.“