Was für eine Erleichterung bedeutet es dochzuweilen, sich einer konkreten Grenze gegenüberzusehen, einer Grenze, die man mit Augen sehen oder, wenn es wie in Berlin eine Mauer ist, mit Händen greifen kann. Denn die meisten von uns haben unser ganzes Leben in diesem unglücklichen Jahrhundert hindurch eine unsichtbare Grenze mit sich herumgetragen, die Grenze ihrer politischen, religiösen, moralischen Uberzeugungen...

Vor nun beinahe vierzig Jahren überschritt ich eine solche Grenze, als ich Katholik wurde; aber sie hörte deswegen, weil ich sie überschritten hatte, für mich nicht auf zu existieren. Ich bin oft an die Grenze zurückgekehrt und habe mit Sehnsucht darüber hinweggeschaut, wie die kleinen Gruppen auf beiden Seiten des Brandenburger Tors, die an Feiertagen herüber- und hinüberspähen und versuchen, einen Bekannten zu erkennen.

Ich wurde an meine unsichtbare Grenze erinnert, als ich mit Ihnen in Westberlin war. Abends im Dachgarten des Hilton-Hotels – einem Garten, in dem Blumen durch bunte Flaschen ersetzt werden – zeigten Sie mir den großen Lichterbogen um den Westen und den tiefen Raum der Finsternis auf der anderen Seite, die nur an manchen Stellen von kurzen Ketten gelber Perlen unterbrochen wurde. „Man sieht“, sagten Sie, „wo der Osten liegt“; aber es ist ein Kennzeichen von Grenzen – das Böse an Grenzen vielleicht –, daß alles ganz anders aussieht, wenn man sie einmal überschritten hat. Als ich vier Tage später, von Dresden und Potsdam herkommend, nach Ostberlin hineinfuhr, erschien es mir gar nicht besonders finster – jedenfalls nicht finsterer als die Industrieviertel jeder Großstadt um zehn Uhr abends. Gewiß, es gab da keinen Kurfürstendamm, obwohl dieser Name heute nicht mehr, wie in den zwanziger Jahren, Bilder einer ausschweifenden Ausgelassenheit heraufruft. Das große, neue Restaurant Unter den Linden war noch hell erleuchtet; auch in den Schaufenstern war noch Licht, und die Auslagen zeigten eine Eleganz, wie man sie in Moskau nicht findet. Moskau scheint als einzige kommunistische Großstadt den Zauber der Verbrauchsgüter zu mißbilligen – was zu haben ist, wird dort in höchst unattraktiver Form angeboten, während man es in Ostberlin und Bukarest und Warschau so attraktiv wie möglich präsentiert.

Wir verließen die Hilton-Bar, Sie erinnern sich, und fuhren zur Bernauer Straße, wo einem die Mauer, besonders bei Dunkelheit, so kompromißlos wie nur möglich entgegentritt; schäbig gebaut, schmutz- und rostfarben, auf der Ostseite durch Drahtverhaue abgesichert, ist sie um so häßlicher, weil sie so kleinlich wirkt; kaum über Kopfhöhe zieht sie sich zwischen den blinden Häusern auf der einen Seite der Straße entlang. Die zum Osten gehörenden Fenster sind zugemauert, und die nahe liegenden Häuser drüben tragen nachts deutlich das dunkle Zeichen der Unbewohntheit. Nur hier und dort ein Licht, etwa fünfzig Meter entfernt. Eine Kirche hat ihren Eingang verloren, weil die Mauer mitten durchs Portal geht. Die dunklen Kreuze und die nicht welkenden Kränze auf der westlichen Seite sind wie die Gedenksteine, die auf Alpenstraßen an den tödlichen Absturz eines Menschen erinnern.

Diese Mauer und die Übergänge, wo Ausländer und Westdeutsche für einen Tag nach Ostberlin durchgelassen werden, sind ein Zeichen für die Problematik des Kommunismus. Demjenigen, der sich zum Kommunismus bekehren lassen könnte, legen sie ein größeres Hindernis in den Weg als irgendein Dogma oder ein historisches Faktum. Die ökonomischen Dogmen der proletarischen Demokratie bereiten mir keine Schwierigkeiten; und was in Budapest geschah, das geschah schließlich weniger als fünfzig Jahre vorher in Dublin auch. Den offiziellen Atheismus vermag ich – irrtümlicherweise vielleicht – als eine vorübergehende Erscheinung zu sehen (auf jeden Fall ist mir der Atheismus lieber als ein als offizielles Christentum getarnter Agnostizismus), und der Vergleich der Lebensstandards scheint mir ein ebenso unzuverlässiges wie unerfreuliches Argument. Wie sieht es mit dem Lebensstandard im reichen Venezuela aus? Haben wir ein größeres Auto als unser Nachbar? Ich erinnere mich, wie mir ein junger Mann in Westdeutschland, den ich gut kenne, einmal sagte: „Wie froh werde ich sein, wenn Butter und Fleisch auf beiden Seiten der Mauer das gleiche kosten; dann können wir uns über die Dinge unterhalten, um die es wirklich geht.“ Aus den Photographien mancher Tagestouristen möchte man schließen, daß es nur in Ostberlin regnet und daß der Regen dort nur auf Ruinen fällt – während er die neuen Wohnblocks und Kaufhäuser ausspart.

Es gibt eine Mauer-Neurose. Der Besucher spürt im Westen mehr davon als im Osten, weil man im Westen rein geographisch der Mauer nicht entfliehen kann. Fahren Sie abends ein bißchen mit dem Auto herum, wie wir es taten, in jenem ländlichen Teil, der noch zu Westberlin gehört: Die Straße ist voll von Autos, und darin sitzen Leute, die alle die Illusion von freiem Raum und frischer Luft suchen – bis sie auf einmal wieder an der Mauer landen, die diesmal nicht aus Ziegelsteinen oder Zement besteht, sondern aus Stacheldraht und Wasser; wobei die Wasserfläche durch Bojen geteilt und durch Polizeiboote des Ostens kontrolliert wird.

Jeder Glaube wirkt wie ein Magnet, ob einem das nun paßt oder nicht. Und selbst die Forderungen eines Glaubens, die über alles Vertretbare hinauszugehen scheinen, wirken noch magnetisch. In einer kommerzialisierten Welt des Gewinns und Verlustes sehnen sich die Menschen oft nach dem Irrationalen. Ich glaube nicht, daß sich die kleinen Menschenansammlungen am Checkpoint Charlie einfinden, um ihren Abscheu zu demonstrieren wie die Omnibusladungen am Brandenburger Tor. Ein Teil von Berlin ist fremdes Land geworden, und sie starren hinüber in das Fremde, einige mit Feindschaft, andere mit Furcht, aber alle mit einer gewissen Faszination. Hinter ihnen liegt die neue City, liegen die Luxushotels und die warenüberladenen Geschäfte; aber der Kapitalismus ist kein Glaube, und daher wirkt er nicht als Magnet. Er ist nur eine Art zu leben, an die man sich gewöhnt hat.