Edward Heath betonte in seiner Rede in Straßburg, daß die Konservativen an eine Wiederaufnahme der EWG Verhandlungen nicht denken; wie könnte es auch anders sein, da die MacmillanRegierung nur noch auf weitere achtzehn Monat; mit Sicherheit "im Amt" rechnen kann? Wenn si; aber die geringste Chance haben sollen, aus den. nächsten Wahlen wieder siegreich hervorzugehen, dann gewiß nur, wenn der steile wirtschaftlichj Aufschwung tatsächlich eintritt. Sollte dies aber geschehen, dann könnte Macmillan die Britei schwerlich überzeugen, daß sie dem EWG Beitritt um jeden Preis zustimmen müssen. Wann immer es zu Wahlen kommt — die Konservativen werden sich zu diesem entscheidenden Waffenganj nicht mit den Farben der EWG stellen. Und Harald Wilson wird vielleicht etwas weniger laut vom Commonwealth reden, und mi: etwas mehr Überzeugung von Europa. Bei so völlig verschiedener Wirtschaftsstruktur der Commonwealthländer muß der Ruf nach einer Wirtschaftsgemeinschaft des Commonwealth ein politischer Papageienruf bleiben. Europa abei wird für den britischen Handel stündlich wichtiger — gleichgültig ob man an die "Sechs" odei an die EFTA denkt.

Das wesentliche ist jedenfalls, daß de Gaulle Veto bisher weniger zerstört hat als man befürchtete. Wenn auch er und Couve de Murville unablässig an der Schaffung jenes "viel beschränk" teren Europa" arbeiten, von dem Heath in Straßburg sprach, so steht das übrige Europa doch nicht still — so hört der weitweite Druck nach Abbau von Zöllen doch nicht auf — so bleibt doch die Notwendigkeit weiter bestehen, die Rohstoffund Agrarländer durch weltweite Verträge über Primärprodukte zu sichern, um sie vor dauernder Übervorteilung zu schützen. Der britische — und zum Teil gewiß auch deutsche — Glaube an ein weltaufgeschlossenes Europa (im Gegensatz zu dem protektionistischen, von der atlantischen Allianz abgewandten "a la de Gaulle") erscheint heute nicht weniger realistisch und nicht weniger vital als in den mühseligen Tagen der Brüssler Verhandlungen. Und das fortdauernde britische Interesse an einer Gemeinsamkeit mit Europa, das Heath in Deutschland betonte und dann so beredt in Straßburg aussprach, klingt auch eher noch redlicher als früher.

Allerdings, in den nächsten Jahren könnte das Europa ä la de Gaulle so feste Formen annehmen, daß die Kluft unüberbrückbar würde. In diesem Sinn ist es eine Enttäuschung, daß Außenminister Schröder nicht imstande war, die Forderung nach regelmäßigen, förmlichen Konsultationen der "Sechs" mit Großbritannien gegen den Widerstand Couve de Murvilles durchzudrücken. In Straßburg sagte Edward Heath, er und seine Kollegen hätten den Eindruck gehabt, daß Großbritannien (dem de Gaulle seinen insularen Charakter bitter vorgeworfen hatte) "jeden Moment zu einer Halbinsel werden könnte". Es mag eine Illusion sein — eine Sinnestäuschung in dieser merkwürdigen Atempause nach dem Zusam menbruch vor drei Monaten: Aber hier hat es fast den Anschein, als ob die Kluft überbrückt werden würde, sicher auf lange Sicht, vielleicht sogar auf verhältnismäßig kurze Sicht — vorausgesetzt, daß de Gaulle in den nächsten drei Jahren die Bundesrepublik nicht völlig ins Schlepptau nehmen kann. 1966 nämlich ändern sich, auf Grund des Vertrags von Rom, die Abstimmungsregeln im Ministerrat der EWG; von 1966 an werden viele Fragen durch qualifizierte Mehrheit entschieden, und die Wirkung des französischen Vetos wird entsprechend beschränkt sein. Dann könnte man Zeichen und Wunder erleben. Man könnte auch erleben, daß ein Harold Wilson an der Macht kein Insulaner mehr wäre, sondern nur noch ein Halbinsulaner.