Nach den Wirtschaftlern haben die Militärs das Wort

Ein jegliches hat seine Zeit... Brechen und Bauen.“ Es war Dean Acheson, der dieses Bibelwort im März in seiner Berkeley-Rede zitierte – jenem weithin hallenden Appell an die Anrainer des Atlantiks, sich nicht durch engstirnigen Nationalismus den Weg in eine Zukunft transatlantischer Partnerschaft zu verbauen.

Die Zeit des Brechens: das war wohl der Januar. Damals sprach de Gaulle sein doppeltes Nein, zu den Vereinigten Staaten von Amerika und zu Großbritannien, und damals begann die Zeit der Stagnation. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft wurde durch das Nein aus Paris in ihrem ursprünglichen Schwung gebremst; Englands Beitritt in den Gemeinsamen Markt blieb unvollzogen; der Dialog mit Amerika, zu dem Kennedy ein größeres Europa im vergangenen Jahr aufgefordert hatte, geriet ins Stocken.

Ist jetzt, vier Monate nach dem Januar-Frost, mit dem Frühling auch wieder die Zeit des Bauens gekommen?

An Baustellen fehlt es nicht; allenthalben sind die Staatsmänner am Werk. Die EWG in Brüssel, der Europarat in Straßburg, die EFTA in Lissabon und die Commonwealth-Minister in London, diese Woche GATT in Genf, nächste Woche NATO in Ottawa – zumindest die Politiker sind aufs neue in Bewegung geraten. Die Politik aber? Nur kalendarisch sind die Winterstürme dem Wonnemond schon gewichen, diplomatisch noch keineswegs. Noch ist es nicht Zeit zum Bauen; noch sind nicht einmal die Trümmer des Windbruchs vom Januar aus dem Wege geräumt; und noch halten auch die Baumeister ganz verschiedene Entwürfe in der Hand. Die meisten Partner wollen nichts anderes errichten als ein zweckdienliches, geräumiges Gemeinschaftshaus; de Gaulle jedoch steht der Sinn nach einer französischen Kathedrale.

Inmitten all der Betriebsamkeit ist eines mittlerweile deutlich geworden: die europäische Dynamik von ehedem ist gebrochen. Wohl hat sich herausgestellt, daß die EWG von den handfesten Interessen ihrer Mitglieder am Leben erhalten wird, doch wird dies ein schwierigeres Leben sein als früher. Nichts deutet darauf hin, daß der innere Ausbau, der Gemeinschaft und ihre Liberalisierung nach außen sich noch nach den alten, „beschleunigten“ Terminplänen vollziehen könnte; und die Hoffnung auf einen baldigen Anschluß Englands muß zunächst einmal begraben werden.

Dabei hat sich zugleich jedoch auch ergeben, daß es zu Großbritanniens Anschluß an Europa keine einzige sinnvolle Alternative gibt – weder für die Briten selber, noch für jene Europäer, die ihrer Gemeinschaft einen nach außen gewandten Charakter wünschen und sich gegen eine kontinentale Abkapselung nach den Vorstellungen des französischen Staatspräsidenten wehren. EFTA, Commonwealth oder Osthandel können den Briten kaum Trost und erst recht keinen Ersatz für die entgangenen Chancen des Gemeinsamen Marktes bieten; die Bindung Englands an die EWG durch ein Assoziierungsabkommen aber verspricht auch den Europäern der „Freundlichen Fünf“ nur wenig Gewinn.