Von René Drommert

Der Aberglaube ist nicht ganz selten, die Beschreibung der Geschichte einer Kunstgattung bereite zwar dem Autor selber ungeheure Schwierigkeiten, dem Leser aber keine. Dem Leser falle lediglich die angenehme, fast müßiggängerische Rolle des Nutznießers zu. Was jener in Jahren zusammengetragen und abgebaut habe, könne dieser, je nach Lust und Laune, in wenigen Tagen oder gar Stunden abnehmen.

Der Schein trügt. Das Lesen von Gesamtdarstellungen eines Kunstgebietes (sei es Dichtung sei es Theater, Tanz, Musik oder bildende Kunst) kann, soll es einigermaßen ergiebig sein, vor allem nicht unkritisch vor sich gehen. Und die gar nicht selten umständliche Kritik wird sich oft in erster Linie an der Nachprüfung entzünden, ob der Verfasser seinen Gegenstand beschreibend gut erkennbar gemacht, in zweiter Linie erst darauf, ob er ihn auch richtig beurteilt und geschichtlich plausibel geordnet habe.

Die Erkennbarkeit ist eine fundamentale Aufgabe all jener historischen Darstellungen, die Beispiele ihres Gegenstandes nicht gleich mitliefern: etwa in Gestalt von Noten, Gedichten, Graphikabbildungen. Mit einer Geschichte des Films kann man die Zelluloidstreifen (sofern überhaupt irgendwo auf der Welt noch Kopien existieren) nicht gleich mitgeben. Alle geschichtlichen Darstellungen, die (wie des Theaters, des Tanzes, der Pantomime) auf direkte Anschauung verzichten müssen, sind, wollen sie auch nur den leisesten Anschein der Wissenschaftlichkeit erwecken, auf indirektes Material angewiesen: auf Berichte, statische Spiegelungen von Bewegungsvorgängen (Photos, Bilder), das heißt auf Indizien, Abhandlungen und Ableitungen, nicht Quellen. Das sind vielfach auch die Voraussetzungen des Buches von

Ulrich Gregor/Enno Patalas: „Geschichte des Films“; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 524 S., 39,80 DM.

Das Werk kann natürlicherweise keinen Film, das heißt keine Kunst kontinuierlicher Bewegung, unmittelbar bieten. Als Ersatz bieten die Autoren dort, wo sie es für möglich halten, Bildtafeln, die nur je einem Film gewidmet sind, insgesamt 80.

Im Titelverzeichnis sind über 1500 Filme angegeben, im Text sind diese Filme beschrieben oder zum mindesten in einem Zusammenhang erwähnt, der historische Einordnung oder auch Wertung bedeutet. Der Leser, der zwar Cinéast, aber dennoch kein Spezialist ist, wird ganz gewiß nur einen Teil der angeführten Films kennen. Er wird sich daher nur bei diesem Teil ein eigenes Urteil bilden können. Bei den anderen Filmen ist er auf die Autoren des Buches angewiesen, auf ihre Intelligenz, ihr Wissen, ihre Methodik, ihre Redlichkeit. Das ist mit Schwierigkeiten verknüpft und nicht immer unbedenklich.