Proteste, Resolutionen, Parlamentsanfragen – all das wegen einer Sendung, die von Bild und Text her unbeachtet geblieben wäre, hätte sie Aachen und nicht Breslau gegolten.

Jürgen Neven-du Mont, der in den zurückliegenden Jahren doch einige der besten Dokumentarsendungen des Deutschen Fernsehens geliefert hat, war bei dem Bildbericht über Polen in Schlesiens Hauptstadt von seiner Inspiration im Stich gelassen worden, vielleicht verschreckt durch das Alarmgeschrei von Vertriebenenfunktionären, die schon bei der Ankündigung vorsorglich in Rage gerieten.

Die Sendung jedenfalls war, politisch vollkommen unanstößig, von einer Kulturfilmbeflissenheit, die dem heiklen Gegenstand keinerlei filmische oder kommentatorische Attraktivität abzugewinnen wußte. Der Auftakt mit einem reizenden polnischen Teenager, der in einer Entbindungsstation großäugige Neugeborene betreut – der alte Stil, das Sentiment als Vehikel zu benutzen, auch wenn es keinerlei. Erkenntnisqualität für das betreffende Thema hat. In diesem Stil ging es weiter: Arbeiter Jan duscht sich in der Wanne, Rektor Skropsi prunkt mit einem Folianten, Professor Spunarschi vernäht eine Herzkammer.

Keines der politischen, ökonomischen, sozialen oder technischen Probleme dieser Stadt trat in den Horizont, geschweige denn auch nur die Frage nach dem Geschichtsbewußtsein oder Selbst Verständnis der Polen in Breslau oder das Problem ihrer Identifizierung mit der Geschichte Schlesiens, um von der deutsch-polnischen Frage bewußt abzusehen.

Die erkennbare Absicht des Filmes ging auf die Belehrung jenes stumpfsinnigen Teiles der deutschen Schlesienvertriebenen, die an der Unfähigkeit der polnischen Bevölkerung festhalten, deutsche Provinzen zu verwalten und weiter zu entwickeln. Denen nun wurde die Fabrikation von Häusern, Eisenbahnwagen und Elektronengehirnen vorgeführt: Ein Blick also auf Polens Wirtschaftswunder, das fast genauso uninteressant ist wie das Deutschlands.

Übrigens kannte man so ziemlich alles hier Gezeigte aus früheren Schlesien- und Polenberichten.

lupus