Von Rolf Zundel

Berlin, im Mai

Die Aufgabe scheint vermessen: Berlin, Objekt der Politik und nicht mehr Zentrum der Entscheidungen, eine Insel in einem fremden Herrschaftsbereich – dieses Berlin soll kulturelle Hauptstadt einer Nation werden, ein Treffpunkt der Künste und der Wissenschaft. Eine Aufgabe für einen Supermanager, für einen Hans-Dampf in allen Kulturgassen?

Langsame, fast schleppende Bewegungen, gebeugte Schultern, im schmalen, sensiblen Gesicht Spuren der Erschöpfung – so wirkt auf den ersten Blick der Mann, der die Hauptlast dieses Unternehmens trägt: Dr. Adolf Arndt, Senator für Wissenschaft und Kultur in Berlin. Arndt hat nichts vom Kulturmanager an sich; er ist nicht der Typ, der durch unwiderstehliche Vitalität mitreißt, durch rotierende Geschäftigkeit "Schwung in die Bude" bringt. Er ist ein Mann, der vor den Schwierigkeiten noch erschrickt. Aber man täusche sich nicht: In ihm wohnen Energie und Leidenschaft – eine Leidenschaft, die sich an der Idee entzündet und die mit verzehrender Flamme brennt. "Ich weiß nicht, wie lange ich das hier aushalten werde", sagte er. "Aber die Aufgabe ist den Einsatz wert. – Warum ich dieses Amt übernahm? Manchmal im Leben erhält man ein Angebot, dem man sich guten Gewissens nicht entziehen kann."

Wie aber soll Berlin Kulturzentrum werden? Ein Patentrezept kann auch Arndt nicht bieten; er weiß, daß man Kultur nicht planen, nicht dekretieren kann. "Aber das, was die Größe dieser Stadt ausmachte, war nie allein das selbstgestrickt Berlinerische; Berlin war immer, wenn man so will, eine künstliche Stadt, schon von seiner Gründung her." Die historische Ableitung dieser These gibt Arndt aus dem Handgelenk.

Ist dies der Mann, der eben noch mit einem resignierenden Seufzer die Ochsentour der Termine und Verpflichtungen beklagte, die zur wirklichen Arbeit keine Zeit mehr lasse? Plötzlich hat die Stimme Klang, die Müdigkeit ist weggewischt, die Argumente kommen gestochen klar, die historischen Fakten gruppieren sich wie von selbst zur These: Berlin auf sich selbst angewiesen, muß provinziell sein; Berlin als kulturelle Hauptstadt ist nur denkbar als gesamtdeutsches Unternehmen.

Dieses Unternehmen gleicht freilich einem schwierigem Mosaikspiel. Kontakte da, Kontakte dort gilt es zu knüpfen; manche Krähwinkelei, so etwa die nörgelnde Kritik der lokalen Presse an den Baukosten der Philharmonie, muß ertragen werden. Auch der akademische Standard der Hochschulen, wenngleich er schon lange nicht mehr so schlecht ist, wie die Kritiker behaupten, befriedigt noch nicht. Berlin darf für die Wissenschaftler nicht mehr länger Endstation begrabener Hoffnungen sein, Abstellgleis für gescheiterten Ehrgeiz. Das Gespräch zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen bedarf neuer Anregung; und hier ist schon ein vielversprechender Anfang gemacht worden.