Lieber Freund,

nachdem Du mir dankenswerterweise Dein Exemplar geschickt hast, habe ich das Stuck von Hochhuth nun gelesen (sehen konnte ich es noch nicht, denn ein Wochenendflug nach Berlin ist im Kulturetat eines Schulmeisters nicht vorgesehen) und stelle nach der Lektüre kopfschüttelnd fest, welch harmlose zeitgenössischen Erstlinge hierzulande zu einem Skandal ausreichen.

Daß jemand annehmen konnte, der Verfasser sei katholisch, ist mir vollkommen unverständlich. So viel Erwartung vom und Enttäuschung über den Vatikan beweist doch das lutherisch bebende Herz, und gewiß ist auch diese Art des Realismus eine protestantische Angelegenheit.

Daß die kirchlichen Gegenerklärungen, ein Protest des Papstes hätte ja doch nichts genutzt, Hochhuths These fast recht geben, scheint bisher weder den kirchlichen Stellen noch Hochhuth aufgefallen zu sein. Die Hochhuthsche These, der Papst hätte durch einen Protest retten können, was die Deutschen erst gar nicht zu retten versuchten, hat ja den Nachteil, daß sie nicht praktiziert wurde, und das verschafft dem Stück den Vorteil, daß man einen Teil der Schuld am Versäumten nach Rom verschieben kann; während die Gegenthese, ein Protest des Papstes hätte eher geschadet, den fürchterlichen Nachteil hat, daß sie praktiziert worden ist – und wir kennen die Folgen.

Gewiß ist für die Glaubwürdigkeit der Hochhuthschen These schädlich, daß er ein wichtiges Detail falsch darstellt: Ich glaube nicht, daß ein Papst so schmutzig’ Werk tut wie Schecks zu girieren; und selbst wenn er’s täte, fand ich’s gar nicht so schmutzig, denn daß der Vatikan mit Geld zu tun hat und daß nicht alles bar in die Hände eines Sekretärs gezahlt wird, halte ich nicht für eine Schande. Stell Dir nur vor, da käme einer mit einem Schrankkoffer voll Dollarnoten angeflogen oder brachte der treuen amerikanischen Katholiken Obolus in barer Münze, und da müßte also ein Autor, der darstellen will, daß man intra muros nicht Hungers stirbt, einen hohen Kleriker auf die Bühne stellen, der einen Berg von Dollarscheinen nachzählt. Das wäre doch noch ordinärer.

Ich versuche auch, mir vorzustellen, es käme ein Autor auf die Idee, die Geschichte der Banco di Santo Spirito bühnenwirksam zu machen oder gar ein so heißes Eisen (im allgemeinen nennt man hierzulande ausgekühltes Blech ja noch heißes Eisen) anzufassen wie gewisse Grundstücksspekulationen im frommen Rom unserer Tage.

Oder es legte jemand so zynische kleine Anekdoten und boshafte Witzchen, wie ich sie anläßlich einer Pilgerfahrt nach Rom von einem dort dem Pressehandwerk obliegenden Bekannten zugeflüstert bekam, einem Bühnenkardinal in den Mund!