Zu den beliebtesten Gesellschaftsspielen gehört immer noch SaBuF (Schimpfen auf Bekannte und Freunde). SaBuF wird von einer beliebigen Anzahl von Teilnehmern gespielt, die mit dem Spielgegenstand – hier einfach das Opfer genannt – zumindest flüchtig bekannt sein sollten. Mitunter werden auch Spieler zugelassen, die das Opfer zwar nur vom Hörensagen kennen, jedoch so sehr für ihre böse Zunge bekannt sind, daß man von ihnen interessante Beiträge erwarten darf. Im allgemeinen kann aber gesagt werden, daß es vorteilhaft ist, wenn die Teilnehmer mit dem Opfer möglichst eng und vertraut verbunden sind, weil sie aus intimer Kenntnis heraus viel mehr Angriffspunkte aufspüren können. Ferner sollte man stets darauf sehen, daß kein Mangel an weiblichen Spielern herrscht. Wenn es nämlich darum geht, Fehler, Schwächen, offene Wunden, Pechsträhnen, Sünden in der Vergangenheit, Geschmacksverirrungen in der Gegenwart aufzuspüren, und wenn es sich bei dem Opfer gar noch um eine Geschlechtsgefährtin handelt, dann sind sie unüberbietbar.

Es gibt beim SaBuF einige erfolgversprechende Eröffnungszüge. So kann man von einem Maler, mit dem man gemeinsam befreundet ist, erwähnen, daß seine langgeplante Ausstellung in Wiesbaden nun doch ins Wasser gefallen ist – was leider nicht unbegreiflich sei –, schließlich könne man doch nicht ein ganzes Leben wie Mirò malen, ohne daß es mal auffiele. Begabt sei Robert zweifellos, aber seit wann genüge das?

Sehr leicht verständigt man sich, wenn man gleich auf bestimmte, natürlich negative Kritiken zu sprechen kommt, die einem gemeinsamen Bekannten galten. Man kann diese im Ton tiefen Bedauerns erwähnen, ohne daß die Berechtigung des Verrisses auch nur für einen Moment in Frage gestellt werden darf.

Von der Kritik an den beruflichen Fähigkeiten (einschließlic der Erwähnung von Unglücksfällen und Krankheiten) ist es bis zur Bestandsaufnahme der menschlichen Schwächen oder privaten Fehlschläge nicht weit.

Dabei gehört es zu den Regeln dieses Spiels, sich von Zeit zu Zeit gegenseitig zu versichern, daß man nur Alberts Bestes wolle; daß man gerade, weil man ihn so schätze, gerade weil man sich so nahestehe, geradezu die Pflicht habe, darüber zu sprechen, aus reiner Sorge um ihn natürlich, Es macht sich auch gut, wenn man hinzufügt, daß man durchaus bereit wäre, alles, was man hier hinter seinem Rücken rede, ihm auch ins Gesicht zu sagen – wenn er weniger empfindlich wäre und eher Kritik vertrüge; ein weiterer Fehler, den man fast vergessen hätte.

Man kann sich, ist das Opfer nicht anwesend, ganz anders, viel freier und ungehemmter entfalten. Bei einiger Erzählbegabung ist es durchaus angebracht, komische Anekdoten zum besten zu geben und vielleicht noch Gesten, den Gang und den Tonfall des Opfers so zu imitieren, daß es der Lächerlichkeit preisgegeben ist. Dabei kann man der Zustimmung, ja des Beifalls der anderen Freunde des Opfers stets sicher sein.

Was diesen Punkt anbelangt, so kann es allerdings gelegentlich Pannen geben, verursacht durch ausgesprochene Spielverderber. Das sind Menschen, die sich – was man fatalerweise nicht bemerkt hatte – an dem In-Stücke-Reißen des lieben Freundes nicht beteiligt hatten und die nun unversehens aus dem Hinterhalt hervorpreschen mit Sätzen wie: „Ich wünschte, Edmund wäre hier und könnte das alles mit eigenen Ohren hören.“

Nach solch unfairen Einwürfen, die nur aus einer völlig falsch verstandenen Kameraderie – oder aus reiner Bösartigkeit – zu erklären sind, breitet sich meist ein peinliches Schweigen aus. Das Spiel muß vorzeitig abgebrochen werden. Und wird erst wiederaufgenommen, wenn das auf diese Weise entdeckte neue Opfer nicht mehr dabei ist. Man will ja niemanden unnötig kränken.